100 Meisterwerke – Teil 4: Pieter Hugo & Leonaert Bramer

„Die Welt kann hart sein. Und zärtlich zugleich.“ (Pieter Hugo)

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Pieter Hugo, Pieter and Maryna Vermeulen with Timana Phosiwa, 2006, Fotografie, © Michael Stevenson Gallery, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem. Und ließ versammeln alle Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten: ,,Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda’s; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein HERR sei.” Da berief Herodes die Weisen heimlich und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, daß ich auch komme und es anbete. Mt. 2:1-8

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Leonaert Bramer (1596-1674), König Herodes befragt die Schriftgelehrten, 45.5 x 71 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Im Matthäusevangelium steht dieses Geschehen beschrieben, das dem niederländischen Künstler Leonaert Bramer (1596-1674) als Textvorlage für sein Gemälde „König Herodes befragt die Schriftgelehrten“ gedient hat. Es ist eine wenig bekannte Nebenszene der Weihnachtsgeschichte, die nur selten in der bildenden Kunst ihren Niederschlag gefunden hat. Diese Erzählung aus Schrecken, Wissbegier, Angst vor dem drohenden Machtverlust, versteckter Niedertracht und dräuender Brutalität zu verbildlichen, stellt für einen Künstler sicher eine große Herausforderung dar, vor allem da die Hauptfigur, das Jesuskind, nicht gezeigt werden kann. Verschattete Gesichter, reduzierte Gesten, ein konzentriertes, nachdenkliches Insichversunkensein gepaart mit einer weitläufigen Bildbühne, die Distanz zum Betrachter schafft und die Figuren fast verloren wirken lässt, zeichnet eine niederländische Art der Figurenmalerei aus, die ihren Hauptvertreter in Rembrandt gefunden hat. Bramer gilt neben ihm als der bedeutendste Maler dieser subtilen gestisch-leisen, fein beobachtenden Helldunkelmalerei. Nichts deutet in dieser, wie durch goldenes Licht modellierten, rätselhaft orientalisch anmutenden Szene auf das Grauen hin, das auf die Initiative Herodes hin, erfolgen wird. Als die Hl. Drei Könige, von einem Engel gewarnt, nach dem Auffinden und Huldigen des Jesusknaben nicht bei Herodes Bericht erstatten, wo sie das göttliche Kind gefunden hatten, tötet dieser, auf Anraten seiner Schriftgelehrten hin, alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren.

Bramer wählt für den Ort der Anhörung der Gelehrten und Hohepriester eine weitläufige kulissenartige Räumlichkeit, deren einzige wahre Lichtquelle, eine von einem Diener gehaltene Fackel in der Mitte, nicht ausreicht, diese hinlänglich zu beleuchten.

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Leonaert Bramer (1596-1674), König Herodes befragt die Schriftgelehrten (Detail), 45.5 x 71 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vor einer den Großteil des Bildformates einnehmenden, ockerfarbenen Wand sitzt König Herodes auf einem überdimensioniert erhöhten und phantasievoll mit barocken Voluten ausgeschmückten Thron, der von einer kleinen Gruppe Gelehrter rückseitig umstanden wird. Ein dunkler samtener Vorhang wurde mühevoll zur Seite gezogen um den König auf seiner exponierten Position sichtbar zu machen. Prachtvoll, wie es seiner Stellung gebührt, ist er in edle Gold und Hellblau schimmernde Gewänder gekleidet, unter denen sich der wohlgenährte Leib abzeichnet. Während seine Rechte lässig auf der Armlehne ruht, umgreift die Linke ein filigranes Zepter. Auf seinem Sitz nach vorn gerutscht, lauscht er mit gesenktem Kopf, auf dem der Turban überschwer zu lasten scheint, den Ausführungen seines Hohepriesters, der vor ihm steht. Mit konzentrierter leicht gebeugter Haltung, um im Dämmerlicht die Buchstaben aus dem übergroßen Buch zu entziffern, ist dieser in eine überreich dekorierte, hellblaue, von Goldfäden durchwirkte, liturgische Phantasiegewandung gekleidet und trägt eine Mitra auf dem Haupt. Mit seinem rechten Zeigefinger deutet er zur Sicherheit auf die gelesenen Zeilen. Der schwere Foliant, aus dem er liest, wird ehrfürchtig von einem knienden Diener präsentiert. Die prophetischen Worte haben augenscheinlich Gewicht.

Zu Fackelträger, Diener und Hohepriester gesellen sich noch drei weitere Männer, bei denen es sich vermutlich um die Weisen aus dem Morgenland handelt. Ungewöhnlich passiv am Rande stehend, nur durch die glänzenden Gaben, die sie in Händen halten, können sie als diese identifiziert werden. Links vor dem architektonischen Thronunterbau des Herodes steht ein Sessel auf dem ein ebenfalls orientalisch gekleideter Mann dem Vortrag des Stehenden lauscht. Breitbeinig sitzend, in ein weinrotes Gewand gekleidet, mit goldener Kopfbedeckung auf den langen weißen Haaren und mit ergrautem Vollbart, wendet er dem Betrachter lediglich sein Profil zu. Eine Schriftrolle in der rechten Hand weist ihn als Gelehrten aus.

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Leonaert Bramer (1596-1674), König Herodes befragt die Schriftgelehrten (Detail), 45.5 x 71 cm, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Reich bevölkert wird die Szenerie von weiteren, fast von der Finsternis verschluckten, Figuren am rechten Bildrand, wo der Raum eine Erweiterung erfährt und in der Ferne ein kleiner Zug von Menschen der Hauptszene zustrebt. Erkennbar werden diese jedoch nur im schwachen Schein einer kleinen Fackel, die sie mit sich führen. Obwohl die Szenerie figurenreich erscheint, strahlt das Bild eine große Ruhe aus. Es ist nur ein kleiner Kreis, der die Tragweite der Worte zu ermessen scheint, die da in der Dunkelheit von dem Stehenden gesprochen werden. Eine wahrhaft bewusste Kommunikation verbindet nur die aus Herodes, dem stehend Lesenden und dem sitzend Lauschenden bestehende Männergruppe. In der Mitte des Dreiecks, das ihre Gestalten bilden, befindet sich das Feuer der Fackel und beleuchtet lediglich die Vorderseiten dieser drei Männer. Teilweise ist diese Aufhellung so stark, dass das kostbare Kolorit sich in ein strahlendes Weiß verwandelt. Eine lichtgewordene Prophezeiung wird Wahrheit mit der Geburt des Gottessohnes.

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Gerardus Wigmana, Die Heilige Familie, 1735, Öl auf Holz, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Wie haben nun diese sogenannten Weihnachtsbilder, die die Geburt dieses besonderen Kindes natürlich nie zeigen, aber dennoch so betitelt werden, nach unserem ikonografischen Verständnis auszusehen? Meist sitzt da Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß, vom etwas am Rande stehenden Joseph beschützend begleitet, in einem, je nach dem Geschmack der Epoche oder des Künstlers, reicher oder ärmlicher ausfallenden, Interieur. Mutter, Kind und Vater ergeben zusammen die Hl. Familie, ein Motiv, das tausendfach in der Kunstgeschichte zu finden ist.

Der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo (*1976) befasst sich ebenfalls mit diesem Motiv ohne dass er es bewusst religiös konnotiert hätte. „Pieter and Maryna Vermeulen with Timana Phosiwa“ aus dem Jahr 2006 zeigt ein weißes Paar mit einem schwarzen Baby auf dem Schoß.

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Pieter Hugo, Pieter and Maryna Vermeulen with Timana Phosiwa, 2006, Fotografie, © Michael Stevenson Gallery, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Die Szenerie ist eine intime. Der Betrachter erblickt diese Familie in völliger Distanzlosigkeit, die ihn fast unvermittelt einen Schritt zurück treten lässt, auch aufgrund des überraschend großen Formates. Die innige Verbundenheit, die diese kleine Gruppe aber mit soviel würdevoller Freundlichkeit dem Fotografen und damit dem Betrachter offenlegt, ist so anrührend, dass man das bescheidene Interieur, die körperliche Versehrtheit und die ärmliche Kleidung fast übersieht und von diesem Anblick nicht weiter peinlich berührt ist. Ihr Glück, ihr Zentrum, vielleicht der Sinn ihres Daseins und damit der Grund dieses Fotos, ist das schwarze Baby, das die Frau fürsorglich auf ihrem Schoß hält. Mit dem linken Arm umgreift sie es, mit der rechten Hand hält sie sein Füßchen. In großer Beschützergeste legt der Mann seinen rechten Arm um die Schultern seiner Frau. Keine Koketterie, keine Eitelkeit, keine Äußerlichkeiten sind in diesem Familienporträt zu finden. Wäre dies der Grund für dieses Foto gewesen, hätte die Frau vermutlich ein vorteilhafteres Oberteil gewählt und der Mann sich für eine lange Hose entschieden, die seine Beinprothese verdeckt hätte.

Sie säßen auch nicht auf dem schäbigen, heimischen Sofa mit dem hässlich geblümten Vorhang. Dass es um derlei Äußerlichkeiten, wie sie normalerweise auf fast jedem Familienfoto zu finden sind, nicht geht, zeigt ein Blick in die Gesichter der Dargestellten. Das Lächeln ist kein gestelltes Fotolächeln, sondern ein Ausdruck der zufriedenen Freude über ihr Zusammensein. Auch ist es kein lautes strahlendes Lächeln, dazu fehlen der Frau vermutlich sogar die Zähne im Gebiss, vielmehr lässt sich sogar eine ängstliche Spur der Besorgnis erkennen. Diese Sorge ist Ausdruck des Wissens um die große Verantwortung und das Bewusstsein, wie schwer dieses Kind auf ihren Knien wiegt. Für jedermann sichtbar, haben diese beiden Menschen dieses Kind nicht von der Natur bekommen. Aus anderen, vielleicht sogar sehr schlimmen Gründen ist dieser kleine Mensch zu ihnen gelangt und sie haben sich entschieden für ihn zu sorgen. Eine Familie, die zur Familie geworden ist aus der bewussten Willensentscheidung heraus für dieses Kind sorgen zu wollen. Die Ausgangslage ist sicher nicht die Beste, sowohl in Anbetracht der schwierigen Vergangenheit als auch der Herausforderungen, die die Zukunft an sie stellen wird, ob dieser besonderen Konstellation: diese beiden Menschen nehmen die Aufgabe an.

Ähnlich ging es einer anderen Familie vor 2000 Jahren. Auch Maria und Joseph waren keine Familie im üblichen Sinn. Joseph war nicht der wirkliche Vater des Kindes. Auch ihr Start war alles andere als luxuriös und komfortabel, und Maria finden wir auf keiner Darstellung vor Freude über ihr Baby jauchzen. Auch bei ihr schlägt sich das Wissen um die große Bürde, die auf dem Leben ihres Sohnes ruht und die sie in all ihrer Mutterliebe mittragen wird, in ihrem meist melancholischen Lächeln nieder.

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Pieter Hugo, Pieter and Maryna Vermeulen with Timana Phosiwa (Detail), 2006, Fotografie, © Michael Stevenson Gallery, Courtesy of SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Pieter Hugos Fotografie wird durch seine radikal-zeitgenössische Adaption eines jahrhundertealten Bildmotivs zur Ikone. Er selbst bezeichnet dieses Werk als seine wichtigste Arbeit, da es die Quintessenz seiner Weltsicht darstellt: „Die Welt kann hart sein. Und zärtlich zugleich.“ Eine Aussage, die so zeitlos erscheint wie das Motiv. Auf sehr unterschiedlichen Ebenen spielen beide Künstler mit diesen beiden Polen des Harten und des Zärtlichen. Bramer verlegt diese Disposition auf die formale Ebene, wenn sich der aus dem befürchteten Machtverlust anbahnende mörderische Gegenschlag lediglich in der düsteren Atmosphäre andeutet, dieses Bild ansonsten aber als ein elegant komponiertes, sanft in Szene gesetztes, niederländisches Historiengemälde des 17. Jahrhunderts erscheint. Hugo dagegen kontrastiert auf inhaltlicher Ebene einen brutalen Verismus, der dem Betrachter schonungslos die hässliche Realität vor Augen stellt, mit dem vermutlich, gerade auch an Weihnachten, schönsten und menschlichsten Motiv überhaupt: dem der durch Fürsorge, Verantwortung und Liebe verbundenen Familie.

Literatur:

Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Historien und Allegorien. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2010. S. 70-71.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotograf-pieter- hugo-this- must-be- the-place-a- 831209.html

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Dr. Teresa Bischoff (*1979) studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen und Rom. Kürzlich erschien ihre Dissertation “Kunst und Caritas” über Leben und Werk der Malerin, Kunstsammlerin und Mäzenin Emilie Linder. Nach Dozententätigkeiten in Erlangen, Ansbach und Nürnberg ist sie nun wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

 

http://www.pieterhugo.com/

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http://www.adbk-nuernberg.de/AKADEMIE/Personen/steckbriefe/bischoff_teresa.html

Der SØR Business-Anzug

SØR Anzug Traditionsweberei Reda (seit 1865) aus Biella in Italien, 2-Knopf, hochwertiges Innenfutter in der Farbe Braun, Super 110's, 100% Schurwolle   http://shop.soer-online.de/MAN/SAKKOSANZUEGE/SOR-Anzug_16642.html?c=36

SØR Anzug, feinstes Tuch aus der Traditionsweberei Reda (seit 1865) aus Biella in Italien, 2-Knopf, hochwertiges Innenfutter in der Farbe Braun, Super 110′s, 100% Schurwolle
http://shop.soer-online.de/MAN/SAKKOSANZUEGE/SOR-Anzug_16642.html?c=36, Foto Lars Beusker

Es brodelt in der Fashionszene. Wer die Entwicklung der Menswear verfolgt, merkt, dass sich die Schwerpunkte verlagern: Mode für Herren gewinnt zunehmend ­­­­an Bedeutung. Das Stilbewusstsein der Männer wächst. Sie legen immer größeren Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild. Und zwar in so hohem Maße, dass internationale Top-Designer wie Stella McCartney erste Menswear Linien lancierten und die Weltmarken Burberry und Tom Ford Männer- und Frauenmode gemeinsam in einem Defilee präsentierten. Umso wichtiger ist es, dass sich das wohl bedeutendste Kleidungsstück des Herrn, der Anzug, diesen hohen Ansprüchen entspricht. SØR hat das neue Selbstbewusstsein und die damit verbundenen Bedürfnisse an die Herrenmode als eine der ersten High-End-
Marken erkannt. Das Ergebnis: mehr denn je heißt es für die SØR-Mode in Premium-Qualitäten: absolute Meisterschaft in allen Disziplinen, vom Zuschnitt bis zum Annähen der Knöpfe.
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FEINSTE TUCHE
Wussten Sie, dass die luxuriösen Tuche der SØR-Anzüge aus Italiens bedeutendsten Traditionswebereien stammen? ­­So genießt Loro Piana seit 1812 einen hervorragenden Ruf als Spezialist für Schurwolle und Kaschmir. Ebenso herausragende Stoffqualitäten liefern die Familienunternehmen Barberi und Cerruti, berühmt für ihre strengen Garnfeinheitskriterien, die Sakkos Glanz, Glätte und Griffigkeit verleihen.
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Für den perfekten und komfortable konzipierten SØR Sitz sorgen erfahrene Schnittmeister. In der Herbst-Winter-Saison lassen sie das Revers etwas schmaler werden. Sakko und Blazer-Silhouetten, am liebsten in Zwei-Knopf-Varianten, bleiben schlank. Blau in all seinen Abstufungen bleibt die wichtigste Farbe.
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* aufwendige Dressurarbeiten
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Seit 60 Jahren dient SØR der Kleidungskultur und steht für höchste Qualität und exzellente Beratung. Foto, Lars Beusker

Erfahren Sie alles über das SØR Businesshemd hier: http://www.kleidungskultur-soer.de/?p=2511, Foto Lars Beusker

 

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Thomas Rusche empfiehlt Issue No. 3

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In der 3. Ausgabe der Kolumne ,,Thomas Rusche empfiehlt” verrät der Kunstsammler und SØR Inhaber seine Entdeckungen und Tipps für die Wintersaison 2016/17.      Foto, Lars Beusker

Ein guter Gin, die Umarmung schöner Frauen, romantische Abende am lodernden Kamin – all das lässt die Körpertemperatur gefühlt um ein paar Grad ansteigen. Doch nichts hält dauerhaft so rundum warm wie ein Strickpullover. Neue Qualitäten aus edelstem Kaschmir für das nur das weichste Unterfell am Bauch der Kaschmirziege verarbeitet wird, haben jetzt bei SØR  Hochsaison: lange, zweifädige Garne, verwebt in renommierten Traditionswebereien lassen Männerherzen höher schlagen und sind ein Erfolgs-Garant auf dem weihnachtlichen Gabentisch. Klassische Rundhals- und V-Neck-Optiken mit sportlichen Ellbogen-Patches überzeugen durch eine perfekte Passform. Schmal, jedoch zugleich locker geschnitten und derart hochwertig gearbeitet, dass sie gleich mehrere Kälteperioden überdauern, zählen SØR-Strickpullis zu den unverzichtbaren , luxuriösen Freizeit-Basics die 365 Tage im Jahr optimal einsetzbar sind. Elegante Knitwear bleibt eben soft und zeitlos!

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Feine SØR-Kaschmir-Pullover mit Ellbogen-Patches. Foto, Lars Beusker

Das Konzept von MMX steht für sehr viel mehr als die Produktion von Hosen und die Etablierung einer neuen Modemarke. Es geht um nicht weniger als die Neuinterpretation der perfekten Hose. Mit viel Gespür für Stil und Design entstehen aufwändig verarbeitete Hosen aus hochwertigen Materialien in hervorragender Qualität. Optimale Passformen und präzise handwerkliche Verarbeitung definieren die Kollektionen. Ausgewählte Details, eine aufwendige Innenausstattung und echte Hornknöpfe verweisen zusätzlich auf die Handwerkskunst einer Maßschneiderei. Die exklusiven Stoffe stammen aus den besten Webereien in Deutschland und Italien. MMX beweist sich als echter Durchstarter im SØR Sortiment und richtet sich an modebewusste Männer die Herkunft und Produktionsbedingungen hinterfragen und die sich für einen verantwortungsbewussten, anspruchsvollen und individuellen Lebensstil entschieden haben.

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MMX – die Neuinterpretation der perfekten Hose! Foto, Lars Beusker

Rahmengenähte Budapester, Double-Monk oder Wingtipp in schwarz und verschiedenen braun Tönen gehören seit vielen Jahren wie selbstverständlich zum Business Outfit. Doch immer häufiger sieht man aber in den trendprägenden Metropolen wie New York, Berlin und Mailand den Sneaker als Ergänzung zum Business-Look. Die aktuellen high und low Varianten haben den klassischen Turnschuh dabei verdrängt und bestechen durch luxuriöse Materialen und individuelles Desgin wie geprägt- oder bedrucktes Velour- und Napper, mit  auffallenden Farbkontrasten, weißer oder schwarzer Sohle. Trauen Sie sich ruhig und lassen Sie sich ein auf einen aufregenden Melting Pot, der klassischen Stil mit Luxus-Streetwear vereint.

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Von wegen Turnschuhe – die Luxus-Sneaker von Floris van Bommel im Reptile-Look. Foto, Lars Beusker

Seit 1981 spiegelt sich die Leidenschaft für Eleganz und Stil von Giancarlo Regaglia und seinem Sohn Andrea in den Accessoires-Kollektionen ihrer Marke Gierre Milano wieder. Krawatten, Schals und Einstecktücher von Gierre Milano zeichnen sich durch hervorragende ,,Made in Italy” Qualität aus. Professionelle Handwerkskunst wird mit moderner Technik vereint. Edle Woll-Qualitäten verleihen den Items einen schmeichelnd weichen Griff aus und verzaubern uns mit kunstvollen floralen- und grafischen Mustern.

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Gierre Milano – 100% italienischer Stil und kompromisslose Qualität. Foto, Lars Beusker

 

Die Festtage rücken immer näher und somit intensiviert sich auch der Gedanke ,, was lege ich meinen Lieben unter den Christbaum?” Mein ultimativer Tipp ist ein guter Schal oder ein schönes Tuch! Dabei lege ich größten Wert auf hochwertige Materialen und stilvolles Design. Kuscheliges Kaschmir oder robuste Lambswool, wärmen die Beschenkten und setzen gekonnt Akzente in der Wintergarderobe.

Der SØR-Kaschmir-Schal setzt herrliche Akzente auf dunklen Mänteln und Jacken. Foto Lars Beusker

Der SØR-Kaschmir-Schal setzt herrliche Akzente auf dunklen Mänteln und Jacken. Foto Lars Beusker

Neben den Fragen welches Geschenk das Richtige ist und was am Weihnachtsabend serviert werden soll, beschäftig natürlich auch immer der Gedanke ,,was soll ich anziehen?” Wer vielleicht im engsten Kreis der Familie einen gemütlichen zwanglosen Abend verbringen möchte oder  sich über die Feiertage das rustikale Ambiente einer Berghütte gebucht hat, darf selbstverständlich ein entsprechend kerniges und lässiges Outfit wählen. Eine klassische Cordhose oder eine schöne Jeans in Kombination mit einem fröhlichen Hemd oder einem Kaschmir-Pullover in der Trendfarbe Barolo sorgen für ein behagliches Tragegefühl. Ein kleiner persönlicher Tipp: Eine hochwertige Weste verleiht einem lässigen Outfit eine Prise Eleganz und ist dabei noch wunderbar wärmend.

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Die SØR-Weste aus 100% Schurwolle verleiht lässigen und kernigen Outfits eine elegante Note. Foto , Lars Beusker

Je stilvoller Sie sich kleiden um so festlicher wird Ihr Weihnachtsabend! Der ultimative Klassiker ist und bleibt der dunkle Anzug. Pure Eleganz versprüht ein mitternachtsblauer Anzug mit einer schmalen Silhouette. Wählen Sie dazu ein weißes Hemd aus feinem Tuch mit Haifisch-Kragen und Umschlagmanschetten. Einstecktücher und Krawatten mit floralen Mustern oder dem angesagten Check-Design setzen dabei farbige Akzente. Feine Oxford-Schuhe aus Kalbsleder und edle Manschettenknöpfe runden den Look stilvoll ab.

Thomas Rusche trägt  im Foto-Shooting ein schmal geschnittenes SØR Sakko aus 100% Schurwolle und ein SØR Businesshemd mit  Umschlage-Manschetten und Haifischkragen. Foto, Lars Beusker

Schmal geschnittenes SØR Sakko aus 100% Schurwolle in Nachtblau und ein SØR-Hemd mit Umschlage-Manschetten und Haifischkragen. Foto, Lars Beusker

Auch wenn für uns die besinnlichen Tage nahen, bleibt es in der Kunstszene brodelnd heiß. Die Art Basel Miami öffnet gerade die Tore, aber auch in Deutschland gibt es einige spannende Ausstellungen in den kommenden Wochen. Besonders hervorheben möchte ich dabei die Ausstellung ,,Wimpernschlag” von der Künstlerin Cornelia Schleime, die zur Zeit in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. Die jüngst mit dem Hannah-Höch-Preis ausgezeichnete Malerin ist mit zahlreichen Werken in der SØR  Rusche Sammlung Oelde/Berlin vertreten, von denen auch einige Arbeiten in der musealen Ausstellung zu sehen sind.

http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/cornelia-schleime

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Flyer zu der Ausstellung ,,Bittersüße Zeiten – Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Am 11. Dezember eröffnet die Ausstellung ,,Bittersüße Zeiten – Barock und Gegenwart in der SØR  Rusche Sammlung Oelde/Berlin” in der Städtischen Galerie Regensburg

https://www.regensburg.de/kultur/museen-in-regensburg/aktuelles/bittersuesse-zeiten-barock-und-gegenwart-in-der-sor-rusche-sammlung-oelde-berlin-in-der-staedtischen-galerie-im-leeren-beutel-vom-11-12-2016-19-02-2017

Und am 14. Januar freue ich ich schon auf den Winterrundgang in der Baumwollspinnerei Leipzig

http://spinnereigalerien.de/rundgang/

Besonders hervorheben möchte ich auch noch einmal die neue Reihe in unserem Blog: ,,100 Meisterwerke”! Die Kunsthistorikerin Dr. Teresa Bischoff untersucht in dieser Serie jeweils 50 Kunstwerke von zeitgenössischen Künstlern und Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und stellt diese gegenüber. Das Resultat ist ein spannender Dialog und ein neuer Blickwinkel der zeigt welche überraschende Nähe zwischen Werken herrscht,  die 400 Jahre Kunstgeschichte trennen. http://www.kleidungskultur-soer.de/?p=2537

Ich wünsche Ihnen eine schöne Adventszeit mit aufregender Mode und spannender Kunst!

Ihr Thomas Rusche

http://soer.de

http://instagram.com/soer_rusche

100 MEISTERWERKE – TEIL 3: Cornelia Schleime & Jacob van Mosscher

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait, 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie nimmt ein Blatt in den Mund. Sehr nonchalant, wie es nur ein Mädchen von der Hand Cornelia Schleimes tun kann.

Nahsichtig, das quadratische Bildformat nahezu ausfüllend, konfrontiert uns dieses sympathische Mädchenwesen mit seiner Freundlichkeit. In klassischer nach links gewandter Porträtansicht wird sie in höchst unklassischer Technik präsentiert: keine glatte Lasur sondern eine durch Asphalt und Schellack aufgeworfene, teilweise fleckenhaft verdunkelte Farboberfläche bricht das liebliche Motiv. Man kann gar nicht anders als ihr lächelnd zu begegnen. Der Schalk steckt nicht nur unsichtbar unter den kurzgeschnittenen, braunen Haselnusslocken im Nacken, sondern sitzt ihr auch sichtbar in den hübschen Augenwinkeln. Es ist erstaunlich auf welch elegante Weise, der sie sich selbst noch nicht bewusst ist, ihr anmutiges Lächeln durch das horizontal geschwungene Blatt über die gesamte Komposition hinweg verteilt. Adrett ist sie zurechtgemacht: mit ihrer exakten Haartolle, dem weißen Kragen und dem himmelblauen Kleid scheint sie von ebensolch adretter Gemütsverfassung zu sein. Keine Scheu, kein Arg ist erkennbar, kein Unwillen von uns betrachtet zu werden. Wenn das in der letzten Zeit allzu sehr strapazierte Wort der Authentizität auf jemanden angewandt werden dürfte, dann auf dieses Mädchen. Laut der Künstlerin hat sich ihr Bildmotiv die Freiheit dieses Blatt in den Mund zu stecken, einfach selbst herausgenommen und davon auch kein großes Aufheben gemacht. Ein Grund vermutlich, warum dieser Gegenstand so völlig selbstverständlich zwischen ihren Lippen wirkt. „Kunst“, sagt Cornelia Schleime, „ist auch immer etwas um den Abstand zum Realen zu definieren. Etwas zu machen, was eigentlich nicht gebraucht wird.“ Besser und bildlicher könnte man es unserem Mädchen nicht in den Mund legen.

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Diego Velazquez, “Infanta Margarita Teresa in a Blue Dress,” 1659

In welcher Ahnenreihe steht nun ein Mädchenporträt der Künstlerin, die in diesem Jahr den ehrenvollen Hannah Höch Preis erhält? Von sich selbst sagt Cornelia Schleime die Heroen der Kunstgeschichte zu lieben und stellt sich damit „bewusst in den Kontext der durch Männer geprägten Traditionslinie der Malerei“. Wagen wir also einen kleinen Rückblick auf die sonst stets von Männerhand geschaffenen Mädchenschönheiten, auch wenn zu befürchten steht, dass das Unsrige fröhlich aber bestimmt aus dieser Reihe treten würde, mit seinem Blatt fest zwischen den Zähnen. Nur nebenbei gesagt, so lang wäre diese Reihe aus der sie heraustreten könnte, nicht. Wann wurde je ein Mädchen um seiner selbst Willen dargestellt, von einem Mädchen mit einem Blatt im Mund noch gar nicht zu reden? Kinder oder Heranwachsende, noch dazu Mädchen, finden bis ins 17. Jahrhundert in der Kunstgeschichte nur ihren Platz, wenn sie von genealogischer Wichtigkeit waren.

In ihrer direkten Selbstbewusstheit erinnert das Blattmädchen denn auch an die stolze kleine Infantin Margarita Teresa, die von niemandem je so verletzlich und stark ins Gedächtnis der Betrachter gebannt wurde wie von Diego Velazquez. Wusste eine spanische Habsburgerin im 17. Jahrhundert welche politische Last auf ihren Schultern ruhte, so weiß unser Mädchen, dass es sich nur mit Blatt im Munde dem Betrachterauge stellen will. 

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Ferdinand Georg Waldmüller, Kleines Mädchen, in einem von Weinlaub umrankten Fenster (um 1830)

In ihrer Fröhlichkeit hingegen scheint das Schleime Mädchen verschwistert mit den vielen freundlichen naturverbunden Mädchen, die vor allem die deutsche Genremalerei des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Das kleine artige Mädchen in der Weinlaube eines Ferdinand Georg Waldmüller würde jedoch nie auf  den Gedanken kommen eines dieser sie umrankenden Blättchen kurzerhand in den Mund zu stecken. 

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François Boucher, Junge Frau mit einem Rosenstrauss, (um 1750)

Sowohl an den strengen Damen im Halbprofil mit exakter Flechtfrisur der Frührenaissance, deren eleganten Nachfolgerinnen des ausgehenden 16. Jahrhunderts sowie den üppigen Frauen des Barock scheint unser Mädchen ebenso lächelnd vorbei geschritten zu sein wie an den stets leicht frivolen Schäferinnen des Rokoko, mit denen sie ja zumindest ihre augenscheinliche Liebe zur Natur gemein hätte. Aus phänotypischer Perspektive dürften wir hier eine Parallele sehen, genotypisch jedoch haben diese beiden künstlerischen Verbindungen von junger Weiblichkeit und Natur nicht viel gemein.

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait (Detail), 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Dient der Rokokodame die Natur stets ihrem Schmuck und Vergnügen, so scheint es Cornelia Schleimes Mädchen eine persönliche Notwendigkeit von großer Wichtigkeit gewesen zu sein, sich mit dem grünen Attribut auszustatten. Ein normales, schlichtes Blatt wählte sie dazu, keine dekorative Rose oder eine andere exotische Blume, sondern ein Blatt, das in seiner alltäglichen Schlichtheit nicht über sich hinausweist und auch keine weiterführenden Schlussfolgerungen erlaubt. 

Genauso war es vor einigen Jahren der Künstlerin eine höchst eigensinnige und nicht erläuterungsbedürftige Notwendigkeit, dieses Bild, das sie im Messestand ihrer Galerie auf der Art Cologne der Öffentlichkeit zum Erwerb preisgegeben sah, kurzerhand selbst in ihren Privatbesitz zurückzukaufen.

 Cornelia Schleime ist eine Malerin, die keine Phobie vor dem Wort „Schönheit“ hat, sonst gäbe es vermutlich auch nicht eine derart große Anzahl anmutiger Mädchen in ihrem Oeuvre, bekanntlich ja durch viele Epochen hindurch DAS Synonym für Schönheit schlechthin. Hingegen hegt sie gewisse Vorbehalte gegen eine Kunst die dem Zeitgeschehen zu sklavisch verhaftet ist. Neben den kleineren Aquarellformaten, in denen der Malerin die verschlungenen Zöpfe der Mädchen in Gesellschaft ihrer Hasen und Füchse einfach so zufliegen, braucht sie die Großformate um sich „selber lebendig zu erhalten.“ Die Künstlerin sagt von sich selbst ein einziger Widerspruch zu sein. Eine Aussage, die sich auch in der Erschaffung dieses Mädchenbildes widerspiegelt: ein Motiv, wie es lieblicher nicht sein könnte mit einer kleinen frechen Zutat versehen, wird von ihr nach dem malerischen Farbprozess mit Schellack und Asphalt übergossen und damit einem chemischen Prozess ausgesetzt von dem die Künstlerin nie wissen kann welches Ergebnis er letztendlich hinterlassen wird, ob er das gerade Entstandene nicht vielleicht sogar zerstören wird. Cornelia Schleime zeigt hier radikal die Ambivalenz ihres Kunstschaffens auf, das vom fürsorglichen, die Privatsphäre des Bildes schützenden Rückerwerb bis hin zur in Kauf genommenen Zerstörung reicht.

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Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen, nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Vermutlich wäre Jacob van Mosscher beim Malen seines „Rastenden Bauernpaares unter hohen Bäumen“ nicht auf diese Idee gekommen. Von Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten oder gar Zerstörung scheint dieses Gemälde des 17. Jahrhunderts weit entfernt. Entspricht es doch vielmehr dem typischen Geschmack dieser Zeit. Erst knappe 200 Jahre zuvor hatte die Landschaft als Motiv sich dergestalt emanzipiert, dass sie nun ohne oder nur mit kleiner Figurenstaffage alleinig bildwürdig geworden war. 

Die holländische Ausprägung dieser Gattung im 17. Jahrhundert ist keine laute, spektakuläre, die Idealansichten mit effektvollen Naturspektakeln komponiert. Stattdessen haben die Maler ein feines Auge und Gespür für das eigentümliche und einmalige der ihnen durch ihren eigenen Alltag bekannten Umgebung ausgebildet.

Um die subtilen Farbnuancen der heimischen, niederländischen Gegend mit dem Pinsel einzufangen, bedarf es zudem einer sorgfältigen malerischen Vorgehensweise.

Mögen diese Gemälde für das Auge des heutigen Betrachters auf den ersten Blick vielleicht eintönig aufgrund der reduzierten Farbpalette und wenig aufregend durch das kleine Figurenpersonal wirken, so sind es Werke, die eben nicht für das schnelle Hinsehen gemalt wurden. Auch wenn die Bilderproduktion im sogenannten Holländischen Goldenen Zeitalter zahlenmäßig einen Höhepunkt erreichte und sich englische Touristen erstaunt darüber zeigten, wo sie überall Gemälde zu Gesicht bekamen, beispielsweise in den Werkstätten der wohlhabenden Handwerker, so war der damalige Mensch sicherlich bereit mehr Zeit und Muse auf die Betrachtung eines solch reduziert-eleganten Werkes aufzuwenden als wir es heute gewohnt sind. Bilder wie uns Mosscher hier eines vor Augen führt, waren damals hoch in Mode und zeichnen sich durch ein gedämpftes Kolorit aus, das keinen zu großen Kontrast entstehen lässt zwischen luftiger Höhe und erdiger Bodenzone.

Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen (Detail), nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Jacob van Mosscher, Rastendes Bauernpaar unter hohen Bäumen (Detail), nach 1640, 47,5 x 65 cm, Öl auf Holz, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Tief ist die Horizontlinie durch die Komposition gezogen, wobei der vom rechten Bildrand weit und hoch ins Bild hineinragende Baum eine gelungene Verbindung schafft zwischen Himmel und Erde. Verschattet und höhlenartig beginnt er in seinem Wachstum um in luftiger Höhe mit seiner filigranen Krone die Wolkenformationen hinter ihm aufs Schönste nachzuahmen. In seinem Schatten, auf leicht erhöhtem Terrain, nahe einem halbverfallenen Mauerrestes, hat sich ein Bauernpaar rastend niedergelassen. Es ist eben im Begriff den mitgebrachten Korb zu leeren, während der schwarzweiße Hund seinen Durst an einem im Vordergrund vorbeifließenden Bachlauf stillt. So zwanglos ihr Gebaren erscheint, so fügen sie sich auch in diese Landschaft ein. Sie sind ein Teil von ihr. Den nicht sonderlich gut ausgebauten Weg der sich in der Weite der linken Bildkomposition verliert, haben sie bis zu ihrem Rastplatz zurückgelegt um sich nun unter dem Ruhe und Schatten spendenden Baum niederzulassen. Hoch ragt darüber der sommerliche zart blaue Himmel auf von semitransparenten Wolken durchzogen, mit deren Leichtigkeit, die unten am Boden fein gewachsenen Sträucher mit durchsichtigem Astwerk korrespondieren. Die Stadtsilhouette Haarlems mit der angedeuteten St. Bavokirche ist nur äußerst schemenhaft in der Ferne auszumachen. Das sich am Frieden und der Ruhe der Natur erfreuende Paar hat den Stadttrubel im wahrsten Sinne des Wortes hinter sich gelassen. 

Mit künstlerischer Klugheit hat Mosscher in diesem Gemälde sowohl die Formen und Farben seiner Heimat eingefangen und was vielleicht noch wichtiger ist, auch ihre Atmosphäre: das Spiel von Licht und Schatten, die nur mäßig sich aufwerfende Landschaft, deren Farben kein Feuerwerk entzünden sondern in ihrer Gemäßigtheit nicht nur dem Auge Ruhe schenken. In völliger Selbstverständlichkeit darf der Mensch sich an diesem Ort bewegen, wobei er jedoch nicht in eine spielerisch-künstliche Naturkoketterie eines Fete galante verfällt wie später im Rokoko üblich.  

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Cornelia Schleime, Mädchenportrait, 1998, 145 x 120 cm, Öl auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Die Künstlerin erwarb ihr eigenes Bild auf der Art Cologne zurück und es blieb einige Jahre in ihrem Privatbesitz. Erst der Sammler Thomas Rusche erschien ihr Jahre später als geeigneter Besitzer dieses besonderen Bildes.

Mit völliger Selbstverständlichkeit trägt auch das Mädchen von Cornelia Schleime ein Stück Natur im Mund. Auf den ersten Blick scheinen ja ein zeitgenössisches Figurenbild von spektakulärer Technik, ausschnitthaft und nahsichtig auf den Betrachter hin ausgerichtet und ein fernsichtig komponiertes, feinmalerisch ausgeführtes Landschaftsgemälde typischer holländischer Prägung wenig Gemeinsamkeiten zu haben. In der exakten Umkehr des Verhältnisses von Natur und Figur ist eine Bezugnahme deshalb nicht auf formaler Ebene spannend sondern auf inhaltlicher. Mensch und Natur sind über die Jahrhunderte hinweg die relevanten Bildthemen, mit denen sich die Künstler auseinandersetzen. Dass der Mensch sich heute nicht mehr in sie einfügt sondern die Natur eher als Zugabe zum menschlichen Dasein wahrnimmt, könnte ein Gedanke hinsichtlich der veränderten Gewichtung in diesen zwei Bildern sein. Beiden Gemälden ist jedoch die ruhige Übereinkunft von Mensch und Natur gemein. Eine sinnlich dargestellte Harmonie finden wir sowohl bei Mosscher als auch bei Schleime: nutzt das rastende Paar die es umgebende schöne Natur als schützenden Rahmen für sein fröhliches Picknick zu dem es sich auf dem Boden niedergelassen hat, so geht das Mädchen noch einen Schritt weiter indem es die Natur nicht nur spürt, sondern sich auf einen noch intimeren Kontakt, nämlich das Schmecken einlässt. Ein geradezu provozierender Akt in Zeiten einer Umweltverschmutzung, die durch unseren unbedachten und ausbeuterischen Umgang mit der Natur verursacht ist. Ermutigt uns die Schönheit der Natur gerade angesichts ihrer Bedrohung sie in den Blick zu nehmen, so wie das Mädchen das Blatt in den Mund nimmt? Wie ein symbolhaftes Zeichen erscheint das Blatt im Munde des Mädchens. Ohne das Blatt wäre dieses Bild nicht vollständig genau wie der Mensch ohne die Natur nicht lebensfähig wäre. Vielleicht hat sich das Mädchen sein Blatt von einem kleinen Ausflug durch ein holländisches Landschaftsgemälde als kleines Andenken mitgebracht, einer Zeit vor allen Umweltskandalen.

Ich danke Cornelia Schleime herzlich für die Charakterisierung ihres Blattmädchens.

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Dr. Teresa Bischoff (*1979) studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen und Rom. Kürzlich erschien ihre Dissertation “Kunst und Caritas” über Leben und Werk der Malerin, Kunstsammlerin und Mäzenin Emilie Linder. Nach Dozententätigkeiten in Erlangen, Ansbach und Nürnberg ist sie nun wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

www.cornelia-schleime.de

http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/vorschau/cornelia-schleime/

http://instagram.com/soer_rusche

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Hans-Joachim Raupp (Hrsg.): Landschaften und Seestücke. Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts der SØR Rusche Sammlung. Münster 2001. S. 180-183.

Artikel im Kontur Magazin: Thomas Rusche – Kunst macht Lust auf Leben

 

Kontur No.15 - Das Cover der neuen Ausgabe. Foto, Tecklenborg Verlag

Kontur No.15 – Das Cover der neuen Ausgabe. Foto, Tecklenborg Verlag

Genau weiß nur er, wie viele Kunstwerke er sein eigen nennen kann. Mal heißt es voller Ehrfurcht und mit Bewunderung, seine Kunstsammlung umfasse 3.000, dann wieder liest man, es seien sogar mehr als 4.000 Werke. Unternehmer Thomas Rusche kennt sie alle. Viele hat er selbst erworben. Sie gehören zur SØR Rusche Sammlung mit Sitz in Oelde und Berlin.

Thomas Rusche – Kunstsammler und Unternehmer in Personalunion.

Thomas Rusche – Kunstsammler und
Unternehmer in Personalunion.

Es sind wirkliche Schätze, die in den zurückliegenden Jahrzehnten der Familiengeschichte zusammengekommen sind und die Thomas Rusche hütet wie seinen eigenen Augapfel. Das hindert ihn allerdings nicht, sie gerne auf Reisen zu schicken, um sie in den Kunstvereinen, Ausstellungshallen und Museen der Welt in immer neuen Konstellationen und Kombinationen auszustellen. Rusche teilt gerne – vor allem Anregungen und Gedanken. Besitz ist für den Unternehmer kein Selbstzweck, sondern Verpflichtung. Darin schließt er die private Kunstsammlung ebenso mit ein wie das eigene Bekleidungsunternehmen SØR, das er mit Erfolg führt. In diesem Jahr feiert das Unternehmen sein 60jähriges Bestehen, was in diesen turbulenten Zeiten durchaus bemerkenswert ist. SØR gilt als der deutsche Marktführer im Premium-Segment der Herrenausstatter und ist mit rund 60 Topmarken breit aufgestellt. Rusche weiß um seine Verantwortung für seine rund 300 Mitarbeiter und arbeitet konsequent an Strategien für die Zukunft des Unternehmens. Neben dem stationären Handel hat man sich bereits gut im Onlinehandel etabliert. Kunst und Klamotten sind für Rusche keine Gegensätze, sondern etwas, das sich, wie er findet, wundervoll ergänzt und inspiriert. „Vier Generationen meiner Familie leben nun schon von der Mode und für die Kunst“, sagt der Unternehmer.

Einzelne Kunstwerke werden auch in den SØR Filialen wie hier am Neuen Wall in Hamburg präsentiert: Das traditionelle SØR Sofa und zwei Werke von Carlos Perez und Michal Jankowski.

Einzelne Kunstwerke werden auch in den SØR
Filialen wie hier am Neuen Wall in Hamburg
präsentiert: Das traditionelle SØR Sofa und zwei
Werke von Carlos Perez und Michal Jankowski.

Im Mittelpunkt steht ein weitgefasstes Verständnis von Kultur, das für ihn und sein Leben sinnstiftend ist. Mode und Kunst machen in seinen Augen das Leben nicht nur bunt, sondern lebenswert. „Ich glaube, dass Kunst die Lust am Leben vergrößert.Wir alle stecken in einem Hamsterrad der Reproduktion unserer Lebensbedingungen.Wir gehen alle morgens zur Arbeit, gehen abends nach Hause, kochen, was im Kühlschrank ist, hoffen, dass die Partnerschaft halbwegs okay ist. In diesem Hamsterrad richten wir uns ein und merken gar nicht mehr, dass wir darin stecken. Um daraus auszubrechen ist Kunst ein unglaublich tolles Vademecum. Es zeigt uns, wie wir eine Bresche schlagen für das ganz Andere,“ so Rusche. Nicht von ungefähr werden regelmäßig Gemälde der Sammlung in den SØR-Filialen aufgehängt. Die Kunst soll Mitarbeiter und Kunden beflügeln, so wie er selbst inmitten von alter und neuer Kunst lebt und sich beflü- geln lässt. Er freut sich darüber, dass die Sammlung immer in Bewegung ist und die Bilder immer dann auf- und abgehängt werden, wenn sie den Anforderungen des Ausstellungsbetriebes folgen und ausgeliehen werden. Ein Lieblingsbild kann er nicht nennen: „Dafür wechseln die Kunstwerke selbst in meiner engsten Umgebung zu häufig, als dass ich mich in eines verlieben könnte“, sagt er. In dem halbjährlich erscheinenden Kundenmagazin, dem SØR Journal für Bekleidungskultur, inspiriert der Firmenchef seine Leser neben der Vorstellung aktueller Mode mit klugen Gedanken zur Kunst und präsentiert in Wort und Bild einzelne Meisterwerke seiner Sammlung. Die Liasons von Kunst und Mode inspiriert Rusche bei der Zusammenstellung der typischen SØR-Kollektion und bei seinen Ansprüchen an die Qualität der Bekleidung: „Mit derselben Hingabe, mit der ein Künstler immer wieder seinen Pinsel mit Bedacht auf die Leinwand setzt, erschaffen unsere Designer und Schnittmeister ihre großartigen textilen Kreationen.“ Die „Schönheit“ der Kunst ist zugleich Maßstab für die Kleidung, die er gerne verkaufen möchte und wie die „Innovationen“ und die „Diskussionswürdigkeit“, die er als Kriterien für das Erkennen von guter Kunst heranzieht, kommen ihm ähnliche Stichworte in den Sinn, wenn er über seine Mode spricht. „Gelungene Mode besticht durch handwerkliche Perfektion – von der Auswahl feinster Tuche bis hin zu ihrer meisterlichen Verarbeitung. Ebenso wichtig ist Innovation. Denn erst durch eine außergewöhnliche Idee, durch die Lust am Einsatz neuartiger, funktionaler Materialien und Schnitte werden Entwürfe von morgen geschaffen“, schreibt er in seinem Kundenjournal.

In den Räumen der Sammlung in Berlin herrscht durch die zahlreichen Antiquitäten und die Alten Meister eine ganz besondere Atmosphäre. Foto, Lars Beusker

In den Räumen der Sammlung in Berlin herrscht
durch die zahlreichen Antiquitäten und die
Alten Meister eine ganz besondere Atmosphäre. Foto, Lars Beusker

Seit er neben den Kabinettformaten der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts auch zeitgenössische Werke sammelt, reizt es ihn, alte und neue Kunst in einen Dialog treten zu lassen. Unter diesem Titel hat er schon einige vielbeachtete Ausstellungen initiiert, darunter beispielsweise in diesem Sommer „Blühendes Leben“ im Caspar Ritter von Zumbusch Museum in Herzebrock. Unter dem Titel „Wahrheit“ präsentierte die Abtei Liesborn in Wadersloh Anfang dieses Jahres eine Ausstellung, die in fünf Kapiteln versuchte, der Wahrheit auf die Spur zu kommen – mit 57 Künstlern und ihren Werken aus der SØR Rusche Kunstsammlung. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass bei solchen Gegenüberstellungen mehr Besucher angesprochen werden. „Bei Ausstellungen, die alte und neue Werke aus meiner Sammlung vereinen, kommen doppelt so viele Besucher wie sonst“,freut sich Rusche über die positiven Effekte der durchaus gewollten Provokationen. Die SØR Rusche Sammlung mit Standorten in Oelde und Berlin zählt zu den größten privaten Kunstsammlungen in Deutschland. Schwerpunktmäßig zunächst der Malerei gewidmet, umfasst sie heute Grafiken, Skulpturen, Fotografien, Installationen und Videos. Mehr als 2.000 Kunstwerke sind in den vergangenen Jahren an über 100 Museen und Kulturinstitutionen verliehen und in Ausstellungen gezeigt worden. Beinahe täglich erreichen Thomas Rusche Anfragen nach einzelnen Motiven, bestimmten Genreszenen und Arbeiten einzelner Meister. In einem mehr als 15 Jahre währenden Forschungsprojekt sind die Gemälde der Sammlung kunsthistorisch aufgearbeitet worden. In mehreren Publikationen wurden sie inzwischen unter kunsthistorischen Kategorien der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie heißen „Genre“, „Landschaften und Seestücke“, „Stillleben und Tierstücke“ und „Historien und Allegorien“.

v An den Wänden der SØR Rusche Sammlung in Berlin zeigt sich ein inspirierender Dialog zwischen alter und zeitgenössischer Kunst. Foto, Lars Beusker

v An den Wänden der SØR Rusche Sammlung in Berlin
zeigt sich ein inspirierender Dialog zwischen alter und
zeitgenössischer Kunst. Foto, Lars Beusker

An den Katalogen mag man das überaus breite Spektrum der Sammlung und die überragende Qualität der Kunstwerke ermessen. Die Familie Rusche, die vor vier Generationen im Münsterland mit dem Handeln von Textilien begann, legte Ende des 19. Jahrhunderts den Grundstein für die Sammlung – zunächst mit Westfälischer Kunst und Antiquitäten. Mitte der 1950er Jahre übernahm Egon Rusche in dritter Generation den Textilhandel in Oelde, gründete die SØR Rusche GmbH und spezialisierte sich darauf, Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts zu sammeln. Thomas Rusch trat frühzeitig in die Fußstapfen seines Vaters. Schon als Kind wurde er in den Aufbau der Kunstsammlung einbezogen und gewissermaßen mit dem Virus Kunst infiziert. „Mein Vater hat mir die Möglichkeit gegeben, als erste Spielwiese Kupferstiche zu kaufen. Ich habe mit sechs Jahren mein ganzes Taschengeld in alte Druckgrafik investiert“, erzählt Rusche. „Dann war er klug genug, mir mit 14 den Eindruck zu geben: Ich kaufe kein Bild mehr, ohne dich zu fragen.“ Später folgen Reisen nach London, wo er an Auktionen von Sotheby’s und Christie’s teilnimmt und einzelne Werke für die Sammlung ersteigert. Sein kunsthistorisches Fachwissen ist so groß, dass er schon bei den Vorbesichtigungen erkennt, welche Gemälde für einen Ankauf lohnen, auch weil sie mitunter mehrere Restaurationen heile überstanden haben. „Es macht einen großen Unterschied, ob ein Altmeistergemälde in – wie die Amerikaner sagen – mint condition ist, als würde es frisch aus dem Atelier kommen oder – und das ist der Normalfall – das Gemälde hat schon zehn Restaurationen in vier Jahrhunderten gesehen, die alle den Dreck mit viel zu scharfen Lösungsmitteln runtergewaschen haben. Dabei fließt dann Blut, nämlich die Originalsubstanz“, bedauert Rusche in einem Interview. Heute kommen pro Jahr nur noch ein oder zwei Alte Meister zur Sammlung hinzu, nicht zuletzt weil der Zustand viele alter Gemälde, die in den Kunsthandel gelangen, nur noch beklagenswert ist. Dr. Thomas Rusche ist eine überaus faszinierende Sammlerpersönlichkeit. Seit 2004 sammelt er als Ergänzung zu den Niederländischen Meistern zeitgenössische Kunst aller Medien – darunter Arbeiten von Norbert Bisky, Marlene Dumas, Jonathan Meese, Neo Rauch, Norbert Thadeusz, Daniel Richter oder David Schnell.

Thomas Rusche bei dem Maler Christian Achenbach in dessen Atelier in Berlin. Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche bei dem Maler
Christian Achenbach in dessen Atelier in Berlin. Foto, Lars Beusker

Gerne schaut er sich in den Kunstakademien in Nürnberg, Berlin und Düsseldorf um, kauft Arbeiten von Studenten und Absolventen, die in sein Suchmuster passen und interessante Impulse innerhalb der Sammlung ermöglichen. Zu Vernissagen geht er inzwischen deutlich seltener. „Ich bekomme so viele Einladungen, dass ich kaum eine freie Minute mehr hätte, würde ich allen folgen“, sagt er schmunzelnd. „Und meine Leber würde sicherlich ebenfalls aufbegehren.“ Er hat die Angst abgelegt, dass er etwas verpassen könnte. „Ich vertraue darauf, dass mich der liebe Gott bei der Hand nimmt und mich dorthin führt, wo ich etwas entdecken soll.“ Wer meint, dass Kunst zu sammeln, im ständigen Austausch mit Kunsthistorikern zu sein und Ausstellungen zu inspirieren, alleine ein Geschäft sei, das einen Menschen komplett ausfüllt, der springt im Fall des Thomas Rusche wohl zu kurz. Parallel und dabei nicht weniger engagiert ist er nämlich Bekleidungsfachmann, Herrenausstatter, geschäftsführender Gesellschafter des SØR Unternehmens mit 60 Filialen zwischen Aachen und Wiesbaden, praktizierender Katholik und Familienvater. Und alledem widmet er sich mit unglaublich viel Enthusiasmus, so dass man sich fragt, ob für ihn der Tag vielleicht einfach doppelt so viele Stunden bereit hält. Neben der Kunst, die an seiner ansteckenden Gelassenheit unzweifelhaft einen großen Anteil hat, ist es dem eigenen Verständnis nach der Glaube, der ihm Kraft, Motivation und Antrieb zugleich ist. Thomas Rusche tritt für die christliche Sozialethik ein, weil er eine fortschreitende „Verschattung der frohen Botschaft“ fürchtet. So beklagt er angesichts des Hungers in der Welt eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Als Mensch und Unternehmer mag er vor den Konflikten und Problemen in der Welt jedenfalls nicht die Augen verschließen. Er zählt zu einem ausgewählten Kreis von Experten, die in der päpstlichen Centesimus-annus-Stiftung an der Frage arbeiten, wie sich die Kirche zur Wirtschaft stellen soll.

Autor: Dr. Jörg Bockow

 

Thomas Rusche wurde 1962 in Münster geboren. Er studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie an der Université de Fribourg und an der Freien Universität Berlin. Im Jahr 1988 übernimmt er die Geschäftsführung der SØR Rusche GmbH und wird 1996 nach dem Tod seines Vaters alleiniger geschäftsführender Gesellschafter. 1991 wird er in Freiburg zum Dr. rer. pol. und 2002 an der FU Berlin mit der philosophischen Arbeit „Aspekte einer dialogbezogenen Unternehmensethik” zum Dr. phil. promoviert.

http://www.tecklenborg-verlag.de/index.php/cat/c51_kontur.html

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Detailverliebt – Das SØR Hemd

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Das SØR Business-Hemd – Qualität bis ins kleinste Detail! Foto, Lars Beusker

Die Fertigung eines SØR-Hemdes ähnelt der Zubereitung eines aufwendigen Gerichts: Erst wenn jedes noch so kleinste Detail stimmt, wenn also die Komposition aufeinander abgestimmter Zutaten bis hin zur feinen Prise Salz den perfekten Geschmack ergeben, dann erst ist das Werk vollkommen.
Mit diesem Ziel vor Augen finden bei SØR alle gestalterischen und stilistischen Herstellungsprozesse hundert Prozent Beachtung – angefangen bei Auswahl und Zuschnitt bester Hemdenstoffe aus europäischen Luxus-Webereien bis hin zum Befestigen auf Stiel genähter, echter Perlmuttknöpfe.
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Das Tuch für ein SØR Hemd kommt aus den besten Webereien Italiens. Foto. Lars Beusker

Feinste Baumwolle, seidig-griffiges Popeline, das durch ein spezielles Webverfahren luftiger als herkömmliche Baumwolle erscheint, und Batist sorgen für einen ultra angenehmes Tragegefühl. Die typischen SØR-Qualitätsindizien zeigen sich in jedem Arbeitsschritt: Angesagte Kragenformen wie Kent-, Eton-, Oxford oder Haifisch sowie der klassische Button Down werden aus vier Textilteilen aufgebaut, echte Handkappnähte sind Kür, Rapporte werden aufs genauste angepasst und die sogenannten dreieckigen Beinecken SØRgfältig eingenäht. Auch wenn SØR bei der meisterlichen Verarbeitung seiner Hemden auf Schneider-Traditionen und handwerkliche Expertise setzt – die Formen der Business-Hemden sind trendbewusst! Zur Herbst-Winter-Saison bleibt die Silhouette schlank und dank exzellenter Passformen, höchst komfortabel. Farblich starten Hemden in neuen Farbtönen in die Saison – Blau in allen Abstufungen macht das Rennen, dicht gefolgt von frischem Weiß, aber auch von zarten Rosé- und Violetttönen. Feine Streifen, Vichy-Karos und dezente Muster sind Styling-Favoriten.
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Variieren Sie ganz einfach Ihren Look mit unterschiedlichen SØR-Premium-Hemden: mal ein klassisch-schlichtes Modell zum Anzug, mal ein Exemplar mit schmückenden Details wie ein andersfarbiger Ausputz am Kragen oder Kontrast-Stoffe an Knopfleisten und Innenmanschetten. 60 Jahre SØR-Expertise wird in jeder Faser spürbar!
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Styling-Tipp: Der elegante graue SØR Anzug mit schmalen Reviers, wird durch den breiten Hai-Kragen des SØR Business-Hemds perfekt in Szene gesetzt. Ein Tuch mit Krawatten-Muster lockert das zweifarbige Ensemble zusätzlich auf. Tuch und Gürtel von SØR, Monk-Schuh von Floris van Bommel. Foto, Lars Beusker

Die Qualitätsmerkmale der SØR Hemden

- ausschließlich hochwertigste Stoffe
- der weltbesten italienischen Weber
- meisterhafte Verarbeitung
- sorggfältiger Zuschnitt
- kleine Nahtstichfolgen
- exzellente Passform im Rumpf
- besonders angenehme Schulterpasse
- echte SØR Knöpfe aus Perlmutt,
- auf Stiel genäht
- echte Beinecke
- klassische und modische
- Kragenformen
- Umschlag- und Sportmanschetten
- höchster Tragekomfort
- vielfach geliebte, einfache Produktpflege

100 Meisterwerke – Teil 2: Pieter Verelst & Steve Viezens

Steve Viezens, Me and myself (Detail), 2012, Öl auf Leinwand

„Wer bin ich und wenn ja, wieviele?“ fragte vor knapp 10 Jahren der Philosoph Richard David Precht auf dem Cover seines Bestsellers. Allein bis ins Jahr 2013 erhofften sich mehr als eine Million Leser vom Inhalt des Buches eine Antwort. Nur wenige andere grundsätzliche, das menschliche Sein betreffende Fragen scheinen den Menschen so zu beschäftigen. Sind es heute philosophische Bücher, die uns den Weg weisen, kannten auch frühere Epochen Mittel und Wege, sich dem eigenen oder fremden Ich in seiner Vielschichtigkeit zu nähern. Da das Antlitz stets auch als Spiegel des Inneren gesehen wurde, entwickelte sich das Abbilden des Menschen zu einer der vornehmsten Aufgaben von Malerei und Bildhauerkunst. Rapide nahm seit dem 15. Jahrhundert die Anzahl der Porträts zu, wobei der Kreis der Dargestellten immer weiter gefasst wurde. Waren es zu Beginn ausschließlich hochstehende Würdenträger, vergrößerte sich die Gruppe der Porträtwürdigen im Laufe der Zeit immer mehr.

Angestrebt wurde zunächst jedoch nicht die Individualität des Einzelnen abzubilden, sondern gewisse Fähigkeiten und Tugenden zum Ausdruck zu bringen, die mit dem Stand, dem diese Person angehörte, assoziiert wurden. Herrscher zeigten sich beispielsweise stets durchsetzungsstark und entschlossen, die zugehörigen Ehefrauen zumeist tugendhaft und fromm. Dabei spielte die Memoria, die Erinnerungsfunktion, eine unleugbar große Rolle, waren doch Bilder im Gegensatz zu heute weder mit minimalstem Aufwand zu erstellen noch jederzeit digital verfügbar. Kaiser Maximilian brachte es auf den Punkt als er im Blick auf sein von Albrecht Dürer angefertigtes Porträt sagte: ,,Wer sich im Leben kein Gedächtnis macht, wird mit dem Glockenton vergessen.”

Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I, datiert auf 1519, Öl auf Lindenholz, 74 x 61,5 cm, im Besitz der Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, Gemäldegalerie

Die repräsentative Rolle, die ein klug gemaltes Porträt sowohl zu Lebzeiten als auch für die Nachwelt spielte, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Von Friedrich dem Weisen ist bekannt, dass er strengstens darüber wachte, welches Bild die Menschen sich von ihm machten, indem er kontrollierte, welche Porträts von ihm in Umlauf gebracht wurden. 

Nicht mit einem Herrscherbildnis, das fest gezirkelten Vorstellungen entsprechen muss, ja vermutlich nicht einmal mit einer wirklich identifizierbaren Person, haben wir es nun bei dem Gemälde eines „Jünglings mit Federbarett“ von Pieter Verelst aus dem Jahr 1633 zu tun. Im 17. Jahrhundert fand in den Niederlanden aufgrund der umwälzenden politischen Verhältnisse auf dem gesamten Kunstmarkt und damit einhergehend auch in der Porträtkunst ein tiefgreifender Wandel statt. Neben den an der Ikonografie von Adelsporträts orientierten bürgerlichen Standesporträt, kommt eine neue Gattung von Bildnissen auf, die nicht primär repräsentative Zwecke erfüllt, sondern das menschliche Wesen tiefgreifend in den Blick nehmen soll. Derartige Menschenstudien, Charakteranalysen, Wesenserkundung werden seither unter dem Begriff der Tronie zusammengefasst. Es ist die Darstellung eines Gesichtes, bei der es nicht um die Identifizierung einer bestimmten Person geht, vielmehr um ein allgemeines Erkunden der menschlichen Physiognomie, sei es Bauer oder Bürger, Soldat oder Bürgermeister. Ohne zu wissen um wen es sich handelt, nimmt uns das tronienhafte Gesicht des Pieter Verelst gefangen.

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Pieter Verelst, Jüngling mit Federbarett, 1653, Öl auf Holz, 64 x 48,5 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Erstaunt, mit leicht geöffnetem Mund, hochgezogenen Augenbrauen und dadurch gekräuselter Stirn, wendet sich uns der aufwändig gekleidete junge Mann aus dem Oval zu, das in den rechteckigen Rahmen eingemalt ist. Anmutig und elegant erscheint sein feingeschnittenes Gesicht, von links oben sanft beleuchtet. Schräg sitzt die gebauschte rote Samtkappe auf den ebenfalls rechts volumiger ausfallenden Locken, die jedoch so weit zurückgenommen sind, dass der fein glänzende Ohrhänger sichtbar wird. In fulminantem Schwung, kostbar von einer Agraffe an der Krempe des Baretts gehalten, ragt die Feder weit über die Kopfbedeckung hinaus. Halsnah bis über die Brust trägt der junge Mann ein in kleinen Falten angelegtes Tuch, dessen Bewegtheit sich in der weiter unten über dem Oberkörper liegenden, kostbar mit Juwelen besetzten Goldkette wiederholt. Bis zum unteren Bildrand verschwindet der Oberkörper immer weiter in einer dunklen Zone, genau wie die abgewandte linke Gesichtshälfte. 

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Pieter Verelst, Jüngling mit Federbarett (Detail), 1653, Öl auf Holz, 64 x 48,5 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Subtile Verschattungen, die den Betrachter stets in der Unsicherheit lassen, ob der Dargestellte sich nicht vielleicht gleich darin der Sichtbarkeit entzieht, sind ebenso Anleihen an Rembrandts Porträtkunst wie die der Fantasie entsprungenen Kostümierung. Ungewöhnlich früh adaptiert Verelst die Neuerungen seines großen Kollegen und findet dabei eine ganz eigene Handschrift. Meisterhaft schmiegt er die Konturlinien, das Licht- und Schattenspiel, die fein ausgearbeitete, variantenreiche Stofflichkeit, das brillante Funkeln der Juwelen und das weiche Kolorit in das dafür so passend erscheinende Oval. Die Vielheit in der Einheit ist seit der Renaissance einer der höchsten Ansprüche an die Komposition eines Künstlers. Augenlust und Neugier erzeugt Verelst mit seiner Vorgehensweise. Und dennoch lässt sich dieses Bildnis nicht auf eine elegante Oberfläche reduzieren. 

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Pieter Verelst, Jüngling mit Federbarett (Detail), 1653, Öl auf Holz, 64 x 48,5 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Wie bereits Rembrandt in seinen berühmten Selbstporträts, nutzt auch Verelst die Abbildung des menschlichen Gesichts zu Charakterstudien, verschwendet sich aber nicht am luxuriös-eleganten Äußeren, sondern legt das Augenmerk des zweiten Blicks dezidiert auf das Innere der Persönlichkeit. Der Jüngling präsentiert sein Antlitz in einer Beredtheit, dass man seine prächtige Aufmachung fast darüber vergisst. Noch interessanter erscheinen uns doch das Innenleben und die Gedankenwelt des jungen Mannes, die sich im Gesicht spiegeln. Inwieweit wir bei der Interpretation des Minenspiels unser eigenes Innenleben darauf projizieren, sei dahingestellt. Den nötigen Spielraum der Deutung lässt Verelst vor allem durch die bemerkenswerte Tatsache entstehen, dass der Jüngling am Betrachter vorbeiblickt. Er wähnt sich unbeobachtet. Von unserer Anwesenheit scheinbar unbeeinflusst schenkt er uns einen authentischen Eindruck seines Wesens, das sich in den sprechenden, feinnervigen Gesichtszügen zeigt. Ein Vergleich mit Gesichtern aus anderen Gemälden Verelsts, die von Hans-Joachim Raupp als Selbstbildnisse identifiziert wurden, schließt jedoch aus, dass der Künstler wie Rembrandt sein eigenes Gesicht zu Studienzwecken herangezogen hätte. 

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Steve Viezens, me and myself, 2012, 50 x 40 cm, Öl und Ei-Tempera auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Ganz im Gegensatz zu Pieter Verelst lässt Steve Viezens bei seinem im Jahr 2012 entstandenen Selbstporträt keinerlei Unklarheiten aufkommen. „Me and myself“ hat er es betitelt, wodurch jegliche Spekulation um wen es sich dabei handeln könnte im Keim erstickt wird. Halbfigurig nach links gewandt, in fast aufdringlicher Nahsichtigkeit, präsentiert sich der Künstler. Der Hintergrund bleibt dunkel, die Lichtquelle fällt auf das Gesicht und den entblößten Oberkörper und leuchtet diese Partien stark aus. Seine rechte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger hält er dem Betrachter provozierend entgegen. Dazu passt der leicht überhebliche Gesichtsausdruck, mokant mit angedeutetem Lächeln. Auf dem Kopf trägt er eine üppige aus Weinlaub und Trauben gewundene Krone.

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Steve Viezens, me and myself (Detail), 2012, 50 x 40 cm, Öl und Ei-Tempera auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Dass der Künstler sein eigenes Antlitz zum Bildmotiv erhebt hat eine lange Tradition. Versteckten sich die Maler des 15. Jahrhunderts noch häufig innerhalb ihrer Kompositionen, war Dürer um 1500 vermutlich der erste Künstler, der sich nachweislich in einem autonomen Bildnis festhielt. In diesen Gemälden geht es um Stolz auf das eigene elegante Aussehen, den Status und natürlich um den Beweis der bravourösen Pinselführung, ausgeführt am eigenen Konterfei. Während der 500 Jahre, die zwischen Dürer und Viezens liegen, wird die Produktion von Künstlerselbstbildnissen immer reichhaltiger. Da Erschaffer und Motiv identisch sind, ist es eine der spannendsten Gattungen überhaupt. Der Betrachter bekommt den Eindruck von größter Unmittelbarkeit, da es sich um DAS Bild handelt, das der Künstler selbst von sich hat. So und nicht anders möchte er sich seinen Zeitgenossen zeigen und der Nachwelt überliefert wissen. Das Eigenbild  wird in diesen 500 Jahren zunehmend privater, intimer, es wird zweifelnder, bisweilen verzweifelter, es fordert den Betrachter heraus. Jeder Künstler, der etwas auf sich hielt, hat sich selbst im Bildnis festgehalten. Rembrandt wiederum ist aus der Reihe der Künstler herauszugreifen, da er so häufig wie kein anderer sein eigenes Antlitz zum Bildmotiv erkoren hat. Von jung bis alt, von stolz, wohlhabend und erfolgreich bis hin zum von Schicksalsschlägen gezeichneten, nachlässig gekleideten Mann reichen seine ungeschönten Selbstdarstellungen, in denen doch stets die Aufmerksamkeit auf das Wesensinnere gelegt wird. 

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Steve Viezens, me and myself (Detail), 2012, 50 x 40 cm, Öl und Ei-Tempera auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Steve Viezens präsentiert sich nackt, abgesehen von der Laubkrone, die diesen Zustand noch zu unterstreichen scheint. Er braucht keine Verkleidung mehr. Er zeigt sich offen und schonungslos. Schützen ihn sein autonomes Künstlerdasein und seine provokante Geste ausreichend? Ich und ich selber, so könnte man etwas holprig den Titel des Bildes übersetzen. Viezens belässt es nicht bei einem Abbild seiner selbst, sondern verrät durch den Titel, dass wir es hier wohl mit seinem alter ego zu tun haben. Der Künstler versteckt sich hinter seinem Kunstschaffen und ist deshalb nur mittelbar im Bild vorhanden. Die öffentliche Fremdwahrnehmung trifft auf das Selbstverständnis des Künstlers.  Auf dieses Spannungsverhältnis geht Viezens ein. Wenige Berufe erzeugen bei Außenstehenden so viele Assoziationen, wie das Künstlerdasein. Seit dem 19. Jahrhundert ist es nicht mehr der gelehrte, vornehme und distinguierte Kunstschaffende, der sich in den oberen Gesellschaftsschichten zu bewegen weiß, sondern der Mann, der sich den bürgerlichen Normen aufgrund seines künstlerischen Genies entzieht und durch diesen andersartigen Lebenswandel die Fantasie seiner Zeitgenossen anregt. Als „poetisch, phantastisch, bacchantisch, erotisch, antikisch, physisch und geometrisch“ beschrieben beispielsweise Cezannes literarische Zeitgenossen den Malerfreund und fanden damit die treffenden Worte für ein Künstlerimage, das bis heute nachzuwirken scheint, wie auch Steve Viezens selbst betont: „Auch wenn das Bild vordergründig den Anschein erweckt, entspreche ich nicht dem Klischee des Künstlers mit nie enden wollenden bacchantischen Festen, Wein, Weib und Gesang und trotzdem werde ich häufig mit diesem Klischeebild konfrontiert,“ sagt der Künstler zu seiner Selbstdarstellung. „Meine Meinung dazu habe ich in diesem Gemälde deutlich dargestellt.“

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Steve Viezens, me and myself (Detail), 2012, 50 x 40 cm, Öl und Ei-Tempera auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Motivisch ist Viezens’ „me and myself“ mit Caravaggios Bacchantendarstellungen verwandt, die ebenfalls mit Weinlaub bekrönt und halb entkleidet, erscheinen. Je nach Gesundheitszustand (von Caravaggio ist ein jugendlicher und ein kranker Bacchus erhalten) bieten sie dem Betrachter entweder ein Glas Wein dar oder halten eine Weintraube umklammert. Vielen Kunsthistorikern erscheinen sie als versteckte Selbstporträts des italienischen Barockmalers. Halten sich Caravaggios Gesellen jedoch in höflicher Distanz zum Betrachter, so drängt Viezens sich frech auf. Man kann ihm nicht entkommen und gleichzeitig macht er einem deutlich, was er davon und überhaupt vom Betrachter seiner selbst, hält. War es in der Antike verbreitet, dass auf den Inschriften von Kunstwerken die Ichform verwendet wurde, beispielsweise um den Künstler zu betiteln, oder das Gegenüber zu grüßen, hält Viezens Ebenbild sich nicht mehr an solche überkommenen Höflichkeitsformen. Sogar deutsche Vizekanzler bedienen sich mittlerweile dieser Mittelfingergeste und machen sie damit fast schon gesellschaftsfähig.

Während Verelsts Jüngling mit seinem Bildnis den Eindruck erweckt, als wäre es gar nicht für den Betrachter geschaffen worden, lässt Viezens keinen Zweifel daran, dass er sich genau an selbigen richtet. Er konterkariert mit dieser Haltung die Intention aller früheren Selbstbildnisse, die ihr Künstlertum zur Schau stellten und zumeist auf ein harmonisches Verhältnis zu ihrem Gegenüber abzielten.

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Pieter Verelst, Jüngling mit Federbarett, 1653, Öl auf Holz, 64 x 48,5 cm, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

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Steve Viezens, me and myself, 2012, 50 x 40 cm, Öl und Ei-Tempera auf Leinwand, Courtesy of the SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Beide Bilder stellen sich der Situation des Betrachtetwerdens. Verelsts Jüngling negiert sie durch seine volle Konzentration auf ein Sehen und Erleben, das mit dem Betrachter in keinerlei Verbindung steht. Viezens nutzt hingegen die Taktik des Angriffs als beste Verteidigung.  Offensiv und frech tritt er dem Betrachter gestisch vor das Schienbein, bevor dieser überhaupt in der Lage ist auf das Bild zu reagieren. 

Beide Gemälde rezipieren ungewöhnlich stark die gattungsrelevanten, kunsthistorischen Aspekte: die subtile Balance zwischen inneren und äußeren Attributen, das Spiel von Offenlegen und Verbergen, die Beziehung zum Betrachter. Innovativ mit diesem Vermächtnis jonglierend stehen beide Porträts stellvertretend für ihre Zeit. Bei Verelst ein Wegbewegen von den repräsentativen, auf Standesäußerungen abzielenden Bildnissen in der Rezeption Rembrandts, bei Viezens, die Einreihung in die Vielzahl der Künstlerselbstporträts, an deren großem Erbe er aber nicht scheitert, sondern fröhlich dazu seine Meinung kundtut.  Auf höchst eigenwillige Weise versuchen sich beide Künstler der Vielschichtigkeit des (eigenen) menschlichen Wesens und damit der Frage: Wer bin ich und wenn ja wieviele? zu nähern. Und stellen damit auch uns als Betrachter diese Frage.

Adriani, Götz: Paul Cezanne. München 2006. S. 9.

Bredekamp, Horst: Theorie des Bildakts. Berlin 2010. S. 60-69.

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996.  S. 248-251.

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Portraits. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1995.  S. 142-145.

Ich danke Steve Viezens herzlich für die freundliche Erläuterung seines Selbstporträts.

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Dr. Teresa Bischoff (*1979) studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen und Rom. Kürzlich erschien ihre Dissertation “Kunst und Caritas” über Leben und Werk der Malerin, Kunstsammlerin und Mäzenin Emilie Linder. Nach Dozententätigkeiten in Erlangen, Ansbach und Nürnberg ist sie nun wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

 

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Thomas Rusche empfiehlt Issue No. 2

In der 2. Ausgabe der Kolumne ,,Thomas Rusche empfiehlt'' verrät der Kunstsammler und SØR Chef seine Entdeckungen und Tipps für den Herbst 2016

In der 2. Ausgabe der Kolumne ,,Thomas Rusche empfiehlt” verrät der Kunstsammler und SØR Chef seine Entdeckungen und Tipps für den Herbst 2016. Das Foto entstand im Rijksmuseum Amsterdam, im Hintergrund ist die ,,Nachtwache” von Rembrandt zu sehen. Foto, Lars Beusker

Die Kunst des Goldenen Jahrhunderts der Niederländischen Malerei ist nicht nur ein Eckpfeiler der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin – sie ist seit 60 Jahren auch immer wieder Inspiration für die Welt der Mode und die Entwürfe der SØR Kollektionen. Mit derselben Hingabe, mit der ein Künstler immer wieder mit Bedacht auf die Leinwand setzt, erschaffen unsere Designer und Schnittmeister ihre großartigen textilen Kreationen der neuen Herbst-Winter-Saison.

Thomas Rusche trägt  im Foto-Shooting ein schmal geschnittenes SØR Sakko aus 100% Schurwolle und ein SØR Businesshemd mit  Umschlage-Manschetten und Haifischkragen. Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche trägt im Foto-Shooting ein schmal geschnittenes SØR Sakko aus 100% Schurwolle und ein SØR Businesshemd mit Umschlage-Manschetten und Haifischkragen. Foto, Lars Beusker

Wiesn-Zeit! Längst ist das Münchner Volksfest ein Welthit und Oktoberfeste werden heute sogar in Brasilien, Japan, den USA oder Russland zelebriert. Über den unterhaltenden Charakter dieser Feierlichkeiten hinaus sind sie auch für viele ein willkommener Anlass, Trachtenmode zu tragen. Keine geringere als Marie Antoinette war es, die bereits im 18. Jahrhundert den Reiz der ländlichen Garderobe erkannte und die Tracht an den Französischen Königshof brachte. Später ließen die großen Couturiers wie Yves Saint Laurent oder Kenzo immer wieder Element der Trachtenkleidung in ihren Kollektionen auftauchen. Janker und Trachtenblazer aus dem Traditionshaus Schneiders Salzburg sind bei SØR, unabhängig von Trends und Moden, fest im Sortiment verankert. In dieser Saison kombinieren wir kernige Strickjanker mit blue Denim und Vichy-Karo-Hemden. Eine gelungene Melange aus Tradition und frischer Lässigkeit.

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Der kernige Strickjanker von Schneiders Salzburg passt bestens zu den SØR Vichy-Karo-Hemden. Foto, Lars Beusker

Der trendigste Farbtupfer in diesem Jahr heißt ,,Barolo”. Der satte und dunkle Rotton versprüht eine behagliche Eleganz und erinnert schon beim Anblick an die Vollmundigkeit des großen norditalienischen Weines. Besonders luxuriöse Materialien wie Kaschmir und Seide vertiefen das Leuchten dieser samtigen Farbe. Verbreiten Sie eine Stimmung wie ein loderndes Kaminfeuer und tragen Sie zum Barolo-Farbton am besten Grautöne.

Der große SØR Kaschmirschal legt sich wie ein wärmendes Kaminfeuer um den grauen Janker von Schneiders Salzuburg. Dazu eine graue SØR Wollhose, lebendige Karos und Accessoires in ,,Barolo''. Foto, Lars beusker

Der große SØR Kaschmirschal legt sich wie ein wärmendes Kaminfeuer um den grauen Janker von Schneiders Salzburg. Dazu eine graue SØR Wollhose, lebendige Karos und Accessoires in ,,Barolo”. Foto, Lars Beusker

Ein guter Schuh gilt als Fundament einer stilvollen Herrengarderobe. Setzen Sie dabei auf kompromisslose Qualität und sparen Sie nicht. Feines Leder und eine hochwertige Verarbeitung zahlen sich in komfortablem Tragegefühl und Langlebigkeit wieder aus. Floris van Bommel ist nicht nur ein qualitativer Schuhhersteller, er ist auch ein Meister seines Fachs, der es auf wunderbare Weise versteht, alle wichtige Attribute, die einen guten Schuh ausmachen, zu vereinen: beste Materialien, hochwertige Verarbeitung, klassische Eleganz und ein gelungenes Maß an modischen Akzenten. In diesem Herbst fokussieren wir bei SØR die klassischen Businessschuh-Modelle, zum Beispiel als Monk oder Halbloch. Cognac- und Brauntöne  stehen dabei farblich an erster Stelle und harmonieren mit der Trendfarbe Barolo oder den klassischen Businessanzugfarben Blau und Grau. Ein kleiner extra Tipp: Frischen Sie einfarbige Anzüge mit grafisch gemusterten Accessoires auf. Lassen Sie ruhig vielfarbige Rautenstrümpfe unter den Hosenbeinen vorblitzen und setzen Sie als i-Tüpfelchen farbliche Akzente mit originellen Einstecktüchern.

Klassische Businessschuhe von Floris van Bommel. Foto, Lars Beusker

Klassische Businessschuhe von Floris van Bommel. Foto, Lars Beusker

Bei den Damen spielen wir in dieser Saison mit Gegensätzen ganz im Sinne von ,,Avantgarde & Tradition”. Kastige Schnitte treffen auf schmale Silhouetten, und eine ganz ungewöhnlich frische Liaison geht der angesagte Athleisure-Look mit etablierten high-end-Marken ein – Sportswear meets Luxury! Das Label Ibana verarbeitet feinstes Leder zu Jogging-Pants. Athletische Legginhosen von Cambio kombiniert man mit klassischen Kaschmir-Jumpern und luxuriösen Handbags. Elegante Halbschuhe im Dandy-Look erhalten ein markantes Upgrade durch farblich durchbrochene Plateau-Sohlen. Leder-Sneaker erfreuen uns mit einem Kick Glamour und bestechen durch Snake-Skin-Optik und Gold-Applikationen.

 

Karierter Kasten-Mantel von Schneiders Salzburg, SØR Pullover, Schuhe mit farblich durchbrochener Plateau-Sohle von Paloma Barcelo und Jogging-Pants aus feinem Leder von Ibana. Foto, Lars Beusker

Karierter Kasten-Mantel von Schneiders Salzburg, SØR Pullover, Schuhe mit farblich durchbrochener Plateau-Sohle von Paloma Barcelo und Jogging-Pants aus feinem Leder von Ibana. Foto, Lars Beusker

In den Herbst- und Wintermonaten hat die ,,Blaue Stunde” einen ganz besonderen Reiz, da ihr Farbton noch intensiver ist als in den lichtreicheren Monaten. Blau weckt die Lebensgeister und erinnert uns an das Meer und klare Bergseen – diese Lebendigkeit beeinflusst unsere Kollektionen in diesem Herbst.

Blau, eine Farbe der Vielfalt! Marineblaue Bluse von Le Sarte Pettegole, gletscherblaue Jeans von Cambio, nachtblauer Mantel von Schneiders Salzburg, blau/weiß gestreifte Bluse von Amorph und eine indigoblaue Jeans von Cambio. Foto, Lars Beusker

Blau, eine Farbe der Vielfalt! Marineblaue Bluse von Le Sarte Pettegole, gletscherblaue Jeans von Cambio, nachtblauer Mantel von Schneiders Salzburg, blau/weiß gestreifte Bluse von Amorph und eine indigoblaue Jeans von Cambio. Foto, Lars Beusker

Essential ist jetzt neu bei  SØR! 1999 gründeten das Designerpaar Esfan Eghtessadi und Inge Onesa ihr Label in Antwerpen, der Hochburg der Avantgarde-Mode. Sie starteten mit einer T-Shirt Kollektion, die sie in ihrem Wohnzimmer entwarfen. Mittlerweile ist die Marke international erfolgreich und das Paar um zwei kleine Kinder reicher. Die Kollektionen von Essential Antwerp bestechen durch außergewöhnliches Design, ungezwungene Lässigkeit und Authentizität. Die Entwürfe transportieren den Lifestyle des Designerpaares: jung, erfolgreich, attraktiv und lebensnah.

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Die Essential Antwerp Kollektion jetzt bei SØR. Foto, Lars Beusker

In Sachen Kunst ist der Herbst die Zeit des Erwachens – die Sommerpause der Galerien geht zu Ende und das Karussell des Kunstbetriebs setzt seine aufregende Fahrt wieder in Gang. Ich selbst bin gespannt, was mir in den nächsten Monaten an guter Kunst begegnen wird, wie beispielsweise während der Berlin Art Week und dem Herbst-Rundgang der Leipziger Baumwollspinnerei.

http://www.berlinartweek.de/

http://www.spinnerei.de

Werke der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin sind zur Zeit folgenden  Ausstellungen zu sehen:

Wahrheiten – Zeitgenossen der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin”, Kunstverein Münsterland, Coesfeld http://www.kunstverein-muensterland.de/

Besonders hervorheben möchte ich eine neue Reihe in unserem Blog: ,,100 Meisterwerke”! Die Kunsthistorikerin Dr. Teresa Bischoff untersucht in dieser Serie jeweils 50 Kunstwerke von zeitgenössischen Künstlern und Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und stellt diese gegenüber. Das Resultat ist ein spannender Dialog und ein neuer Blickwinkel der zeigt welche überraschende Nähe zwischen Werken herrscht,  die 400 Jahre Kunstgeschichte trennen.

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100 Meisterwerke – Teil 1: Jan Asselijn & Nicola Samori

Jan Asseljin, Reiter am Brunnen in einer Felsenkluft, nach 1648, Öl auf Leinwand, 75,5 x 95,2 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Jan Asselijn, Reiter am Brunnen in einer Felsenkluft, nach 1648, Öl auf Leinwand, 75,5 x 95,2 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Herzlich Willkommen zu ,,100 Meisterwerke” der neuen Serie im SØR Blog! Die Kunsthistorikerin Dr. Teresa Bischoff untersucht in dieser Reihe jeweils 50 Kunstwerke von zeitgenössischen Künstlern und Niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts und stellt diese gegenüber. Das Resultat ist ein spannender Dialog und ein neuer Blickwinkel, der  zeigt welche überraschende Nähe zwischen den Werken herrscht, obgleich sie über 400 Jahre Kunstgeschichte trennen.

Rätselhaft geht es zu in Jan Asselijns Gemälde „Reiter am Brunnen in einer Felsenkluft“, das nach 1648 entstanden ist. Nur partiell beleuchtet erschließt sich dem Betrachter der felsig-verschlungene, höhlenartige Schauplatz. Ein vornehmer Herr hat hier Rast eingelegt, um sich und seinem nicht minder vornehmen Pferd ein wenig Erholung am Brunnen zu verschaffen. Prächtig gekleidet steht er in dekorativer Seitansicht, die den Glanz und trefflichen Faltenwurf seines kostbaren roten Reisemantels ganz besonders zur Geltung bringt. Auf sorgfältig frisierten Locken sitzt ein hochaufragender schwarzer Hut, mit einer gelben Schleife gewagt verziert. Ein schlichter weißer Kragen schmiegt sich zwischen Wams und Kinn. Eng anliegende Beinkleider und Sporen an den Schuhen sowie ein schmaler Degen komplettieren die Reisegarderobe.

Vertraut und in menschlicher Kommunikationshaltung hat sich das Pferd seinem Herrn zugewandt und scheint ihm aufmerksam zu lauschen. Auf seinem Rücken trägt es einen bequemen Sattel. Reiter und Tier legen augenscheinlich weite Strecken zurück. 

Rechts von den beiden schöpft ein Mann Wasser aus einem Brunnen. Dieser befindet sich am rechten Bildrand vor einer nur notdürftig durch einen Bretterverschlag verschlossenen großen Felsöffnung, die über den Bildrand hinausragt. In gebeugter Haltung, den linken Fuß auf den unteren gestuften Brunnenrand gestellt, reckt sich uns in caravaggesker Manier das mit schmutzig-gelben Hosen angetane Hinterteil des Mannes entgegen. Derbe Schuhe, grobe Strümpfe, eine im Rücken zusammengeknotete Schürze, ein graublaues Wams und ein dunkler Hut sind für seine Tätigkeit die angemessene Arbeitskleidung. Während er mit seiner rechten Hand an der Brunnenschnur zieht, geht seine Aufmerksamkeit neugierig nach links in Richtung Reiter und Pferd. Fast scheint es, als wolle er mithören und ein Wörtchen der Zwiesprache zwischen diesen erhaschen. 

Im Gegensatz zu dieser hell beleuchteten Szene nimmt sich der linke vordere Bildgrund dunkel und verschattet aus. Die dortige Feuerstelle ist erkaltet, ebenso wie der Felsofen, der sich weiter hinten im linken Bildraum befindet. Die Brote sind mit langen Holzschubern herausgeholt worden und liegen auf dem halbrunden oberen Abschluss des Ofens. Ungeklärt bleibt, weshalb ein weiterer Mann mit seinem kleinen Hund achtlos an ihnen vorübergeht. Er schreitet eine in den schmalen Felsspalt gehauene Treppe empor, an deren Ende ein Esel geduldig wartet. Über ihnen leuchtet ein kleiner blauer Himmelsausblick auf. 

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Jan Asselijn, Reiter am Brunnen in einer Felsenkluft (Detail: Mann mit Hund und Esel), nach 1648, Öl auf Leinwand, 75,5 x 95,2 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Geschickt setzt der Maler das Mittel der Kontrastierung ein, das die Augenlust des Betrachters reizt: Raumpartien werden hell ausgeleuchtet oder verschwinden nahezu in der Finsternis, die ruhige vornehm-aufragende Haltung des roten Reiters steht in subtiler Spannung zu dem geschäftigen Treiben der einfachen Männer, die nahsichtig gezeigte Flanke des Pferdes setzt einen Kontrapunkt zum hellen Himmelsausblick.

Aber nicht nur  in der Kompositionsgestaltung legt Asselijn größte Sorgfalt an den Tag, sondern auch in der Darstellung der Oberflächen. Haptisch minutiös gearbeitet leuchtet der rote Mantel dem Betrachter prachtvoll entgegen. Vermutlich hatte der Maler  dieses Kleidungsstück real vor Augen. In mindestens zwei anderen Gemälden Asselijns spielt dieser Mantel eine optisch herausragende Rolle: In der Darstellung des Bruchs des St. Anton Dammes aus dem Jahr 1651, heute im Rijksmuseum in Amsterdam zu sehen, ist der dramatisch gebauschte leuchtend rote Umhang der Kontrapunkt zum grandiosen Naturspektakel, das sich in der Bildmitte entlädt. Ebenfalls koloristisch virtuos setzte er besagten Mantel in einer farblich eher zurückhaltenden Winterlandschaft ein. Keines dieser Bilder jedoch zeigt das kostbare Kleidungsstück in so exquisiter Nahsicht wie das vorliegende Gemälde. 

Wahrscheinlich folgt der Umhang der französischen Mode. Nicht mehr die strengere spanische und damit kürzere Variante, die im 16. Jahrhundert weit verbreitet war, wählt der ursprünglich aus Dijon stammende Asselijn, sondern die aktuelle, französische Mantelform, deren Stofffülle in Gemälden gern dekorativ drapiert erscheint.

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Jan Asselijn, Reiter am Brunnen in einer Felsenkluft (Detail: Reiter mit Mantel und Pferd), nach 1648, Öl auf Leinwand, 75,5 x 95,2 cm, Courtesy SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin

Kreisrund  und stoffreich gearbeitet mit gelegtem Kragen, länger geschnitten als das spanische Vorgängermodell, ohne Ärmel, je nach Witterung und Geldbeutel mehr oder weniger prächtig gefüttert, war er über viele Jahrzehnte hinweg die in Europa gängige Mantelform. Modische Kleidung dieser Art war im 17. Jahrhundert ein Distinktionsmerkmal der höheren Schichten. Teures Material, raffinierte Schnitte, aufwändige Farben und eine luxuriös-üppige Verarbeitung konnten ein Kleidungsstück rasch zum kostbaren Kleinod machen. Für jedermann erschloss sich auf den ersten Blick, welchem gesellschaftlichen Stand das Gegenüber zuzuordnen war. Falls der Maler im Besitz eines solchen luxuriösen Gegenstandes gewesen war, hatte er also jeden Grund, diesen häufig in seinen Werken zu zeigen. 

Soviel Mühe Asselijn sich gibt, dem Betrachter die „Oberflächen“ darzubieten, soviel verbirgt er darunter. Man fragt sich: Was macht ein so teuer gekleideter vornehmer Herr an einem augenscheinlich so düsteren und kargen Ort? Wo kommt er her, wo will er hin? Was verbirgt sich hinter der Bretterwand? In welcher Beziehung stehen die Männer zueinander?

Letztendlich gesteht uns Asselijn nicht mehr Informationen zu als dem wasserschöpfenden Mann am rechten Bildrand. Zwar bildimmanent und in nächster Nähe zu den beiden Hauptprotagonisten Reiter und Pferd gesellt, gelingt es ihm offenbar nicht, Kontakt mit diesen aufzunehmen. Repoussoir-Figuren, selbst wenn sie sich noch so harmlos an den Bildrand schmiegen, nehmen immer auch die Position des Betrachters ein. Und so steht der wasserschöpfende Knecht für unsere eigene Neugier, die Jan Asselijn jedoch nicht befriedigen wird.  Selbst wenn wir uns als Betrachter „im Bild“ befänden, würden wir das Rätsel um den Reiter in der Felsenschlucht nicht lösen können.

Kein Historienbild mit identifizierbarem Figurenpersonal und eindeutiger Handlung malte Asselijn. Er schuf aber auch kein Genrebild im typischen niederländischen Sinne, wo oftmals hinter den einfachen Alltagsgegenständen noch eine zweite Sinnebene versteckt und ein großer Spekulationsraum eröffnet wird. Der Künstler geht einen anderen, klareren Weg, indem er dem Betrachter seine Unwissenheit malerisch virtuos, aber sehr deutlich bis ins letzte Detail vor Augen stellt. 

Nicola Samori, Mem, 2015, Öl/Kupfer/Muschel, 100 x 100 cm, Courtesy of the SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Nicola Samori, MeM, 2015, Öl/Kupfer/Muschel, 100 x 100 cm, Courtesy of the SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Ähnlich rätselhaft bleiben auch die Bilder des Ausnahmekünstlers Nicola Samori. Auffallend häufig spielt er in seinem Oeuvre mit scheinbar geläufigen Bildmotiven, die dem 17. Jahrhundert entliehen sind. In frommer barocker Theatralik präsentiert sich uns die 2015 entstandene Arbeit „MeM“. Nah wird der Heilige an den Betrachter herangerückt. Über einem schlichten dunklen Untergewand wirft sich der subtil in kühlem Weiß und Grau changierende Umhang in fast metallisch anmutender Haptik um den Oberkörper des Dargestellten. In frommer Haltung sind die Hände betend aneinandergelegt. Es ist ein Bildmotiv, das sich hundertfach in der Kunstgeschichte wiederholt. Samori hat sich für sein Werk von der Darstellung des Hl. Jakob von Guido Reni inspirieren lassen, einem italienischen Barockkünstler des 17. Jahrhunderts, der trotz der üppigen Dramatik seiner Draperien für die sanfte Anmut seiner Heiligendarstellungen berühmt ist. 

Wie virtuos der italienische Künstler des 21. Jahrhunderts nun jedoch mit diesem kunsthistorischen Erbe spielt! Nur auf den ersten flüchtigen Blick scheint man es bei seinen Bildern mit Altbekanntem zu tun zu haben. 

So wird der delikate Kupfergrund, ebenfalls eine Reminiszenz an vergangene Zeiten, der normalerweise nach der Fertigstellung des Bildes unsichtbar wird und lediglich im besonders subtilen Glanz des Kolorits erkennbar bleibt, offengelegt, weil Samori seinen Schaffensprozess wieder rückgängig macht, indem er die Farbhaut abrollt. Dies verwundert umso mehr, da das Bild von brillanter handwerklicher Meisterhaftigkeit und erhabener Schönheit zeugt. Ein Künstler, der es versteht, Stofflichkeit von dieser Opulenz zu erzeugen, macht in höchstem Maße neugierig, von welcher Physiognomie wohl der Dargestellte gewesen war. Die Antwort hatte er bereits gegeben, der sandgestrahlte Metallgrund zeugt von einer, ebenso wie die Gestalt, ausgearbeiteten Antlitzpartie des Heiligen. Des Künstlers höchst individueller Wille ist es nun jedoch, selbst zu bestimmen, in welchem Moment er seinen Schaffensprozess unterbricht oder vielleicht, wie in diesem Fall, wieder rückgängig macht. Ungeschehen macht er ihn nicht, sondern auf eine ganz andere Weise sichtbar, als es dem Betrachter vertraut ist. Dieser Prozess geschieht nicht zufällig, sondern im Einklang mit der gemalten Komposition des Bildes. Wie beiläufig nimmt die Aufwerfung der abgeschälten Farbe die Konturlinien des Motives wieder auf. 

Die Freiheit des Spieles mit traditionellen Motiven treibt Samori mit der beweglich im Betrachterraum hängenden Muschel subtil auf die Spitze. In der christlichen Ikonografie ist die Muschel das Erkennungszeichen des Hl. Jakob. Der Legende nach predigte dieser in Spanien. Seine angebliche Grabesstätte in Santiago de Compostela entwickelte sich zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte überhaupt. Unter den Reisenden wurde es bald Brauch, die Muschel, die man praktischerweise aufgrund ihrer Größe als Trinkgefäß nutzte,  sich nun zum Zeichen der Pilgerschaft sichtbar an die Kleidung zu heften. 

Nicola Samori, Mem (Detail Muschel und Kupfergrund), 2015, Öl/Kupfer/Muschel, 100 x 100 cm, Courtesy of the SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Nicola Samori, MeM (Detail Muschel und Kupfergrund), 2015, Öl/Kupfer/Muschel, 100 x 100 cm, Courtesy of the SØR Rusche Collection Oelde/Berlin

Die Muschel wurde aufgrund ihrer perfekt von der Natur geformten Schönheit vor allem auch bei Künstlern der Renaissance hoch geschätzt. Man kennt sie als Kalotte, also als rahmendes und raumstiftendes Element, die die symmetrische Harmonie idealer Renaissanceräumlichkeiten im Kleinen zeigt. Laut eigener Aussage  ließ sich der Künstler von Piero della Francescas um 1470 für Federico da Montefeltro gefertigter Sacra Conversazione in der Pinacoteca di Brera in Mailand inspirieren. Unter einer kassettierten Tonnenwölbung thront die Muttergottes mit dem Jesuskind. Hoch über ihrem Haupt schwebt vor einer Muschelkalotte ein frei aufgehängtes Straußenei als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Samori fasst nun diese beiden, für die italienische Renaissancekunst so typischen idealen Naturformen in seiner Komposition zusammen, indem er eine reale Muschel mittig vor seinem Hl. Jakob anbringt.  In seiner äußeren Rippenstruktur wiederholt das kleine, ornamenthafte Naturobjekt die aufgeworfenen, geschwungenen Farbwellen und verdeutlicht damit die Struktur der gesamten Komposition noch einmal im Kleinen.

Meisterhaft versteht Samori die Kunst der Verschränkung aller Bildelemente sowohl auf inhaltlicher, formaler und auch historischer Ebene. Nichts wird dabei dem Zufall überlassen. Selbst der Titel, als Palindrom gewählt (ein Wort, das vorwärts und rückwärts gelesen werden kann) spielt auf die nie enden wollenden Möglichkeiten des Betrachtens von Bildern an. Es spiegelt mit seiner symmetrischen Form sowohl die gesamte Bildkomposition als auch die Form der Adoranz: Die beiden  groß geschriebenen „M“  umschließen das kleine „e“ wie die betenden Hände, den zarten Raum dazwischen.

Sowohl Asselijn als auch Samori verfügen über eine brillante handwerkliche Technik. Sie ist die Basis des individuellen künstlerischen Prozesses beider Künstler. Asselijn nutzt sie, um hinter dieser Oberfläche seine inhaltlichen Geheimnisse zu verstecken und in ästhetisch formvollendeter Klarheit dem Betrachter sein Rätselbild vor Augen zu stellen. Der prächtig auffallend präsentierte rote Mantel steht hierfür wie ein pars pro toto. Samori geht noch einen Schritt weiter, indem er den Betrachter dieser eindeutigen Klarheit der optisch unversehrten, perfekten Oberfläche beraubt und nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form selbst zum Rätsel macht. 

In ihrer jeweiligen Zeit spielen beide Künstler handwerklich perfekt höchst innovativ mit der Erwartungshaltung des Betrachters. Mühelos gestalten sie uns den Einstieg. Bei Asselijn blicken wir auf ein scheinbar typisches niederländisches Genregemälde, bei Samori auf das Werk eines zeitgenössischen Künstlers, der barocke Heiligendarstellungen rezipiert. In beiden Fällen erlebt der Betrachter den Sehprozess jedoch nicht als etwas Klärendes, sondern als etwas zunehmend Rätselhaftes, das letztendlich nur vom Künstler, als dem Initiator dieses Geheimnisses, gelöst werden kann.

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Dr. Teresa Bischoff (*1979) studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen und Rom. Kürzlich erschien ihre Dissertation “Kunst und Caritas” über Leben und Werk der Malerin, Kunstsammlerin und Mäzenin Emilie Linder. Nach Dozententätigkeiten in Erlangen, Ansbach und Nürnberg ist sie nun wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Literatur:

Raupp, Hans-Joachim (Hrsg.): Genre. Niederländische Malerei der SØR Rusche-Sammlung. Münster 1996. S. 24-27.

Steland-Stief, Anne Charlotte: Jan Asselijn nach 1610 bis 1652. Amsterdam 1971. S. 138.

Für die freundlichen Erläuterungen zu „MeM“ danke ich sehr herzlich Nicola Samori.

Hilfreiche Hinweise bezüglich des roten Mantels bei Jan Asselijn gab mir Frau Dr. Zander-Seidel.

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Meisterwerke – Wim Pijbes im Gespräch mit Thomas Rusche

 

Wim Pijbes und Thomas Rusche trafen sich auf ein Gespräch im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

Wim Pijbes und Thomas Rusche trafen sich auf ein Gespräch im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

Wim Pijbes, der Generaldirektor des Rijksmuseums Amsterdam hütet weltweit den größten Schatz an Meisterwerken der Niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, darunter Rembrandts ,,Nachtwache”. Dieses goldene Jahrhundert der Malerei ist auch ein Altmeisterschwerpunkt der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin. Dementsprechend eng ist die jahrzehntelange Zusammenarbeit, die 2008 in der von Wim Pijbes inszenierten Ausstellung ,,At home in the Golden Age – Masterpieces der SØR Rusche Collection” gipfelte. Der  Kunstsammler und SØR Inhaber Thomas Rusche traf Wim Pijbes in diesem Sommer im Rijksmuseum zu einem Gespräch über das Geheimnis der Meisterwerke und was Beyonce mit Botticelli gemeinsam hat.

TR: Wenn man als Direktor des Rijkmuseums ständig von Meisterwerken umgeben ist, fragt man sich da: Was ist überhaupt ein Meisterwerk?

WP: Überraschenderweise braucht ein Meisterwerk nicht das beste Werk eines Künstlers zu sein. Man denke beispielsweise an die Mona Lisa. Für jeden auf der Welt ist die Mona Lisa ein Meisterwerk, aber es ist nicht das beste Gemälde und es ist auch nicht das beste Werk von Leonardo da Vinci, aber für jeden ist es ein Meisterwerk. Es ist ein Ikonisches Bild ist und man kennt es seit Generationen. Es bedarf Generationen oder besser des Faktors Zeit, um etwas ein ,,Meisterwerk” nennen zu können. Ich kann nicht ein Buch schreiben oder ein Bild malen und nach einer Woche sagen: ,,jetzt habe ich ein Meisterwerk gemacht”. In der Musik kann so etwas passieren, wenn man ein Konzert von Mozart oder Beethoven hört, welches von den großen Philharmonie Orchestern der Welt gespielt wird. Da kann man ab und zu sofort erkennen ob dieses Konzert ein Meisterwerk ist. Qualität ist eine notwendige Voraussetzung, aber es bedarf mehr, um daraus ein Meisterwerk zu machen. Das ist das Geheimnis der Kunst. Doch nicht nur in der Kunst, auch in der Küche eines Restaurants kann man ein Meisterwerk machen, das so ausgezeichnet, so besonders ist, das man es kaum übertreffen kann.

TR: Was gehört über die Qualität hinaus zu einem Meisterwerk?

WP: Qualität, gutes Material und handwerkliches Können ist nur das Eine. Die Zeit, das Publikum, die Gelegenheit und das Momentum müssen hinzukommen. Das alles lässt sich nicht organisieren. Den Geschmack der Menschen kann man nicht organisieren, die Zeit in der wir leben können wir nicht organisieren. Alles ändert sich heute sehr schnell. Aber wenn man als Künstler etwas zur richtigen Zeit macht, kann in der Geschichte ein wichtiger Moment passieren. Nehmen wir die Renaissance: Botticelli ,,la Primavera”! Mit diesem Gemälde geschieht in diesem einem Moment alles zusammen. Mit ,, la Primavera” von Botticelli geht eine Tür auf in eine andere Zeit. Das hatte Botticelli selbst auch nicht gedacht. Er hat das Gemälde gemalt, ein sehr gutes Gemälde und in diesem Moment, zu dieser Zeit, mit den Menschen und anderen Künstlern um sich herum, an diesem Ort in Florenz. Er hat es geschafft – heute ist Botticellis Primavera ein Meisterwerk der Renaissance. Es ist ein ikonisches Bild dieser Epoche.

TR: Wenn ich Dich richtig verstehe, ist es kein Zufall, sondern der Künstler ist ein Seismograph der jeweiligen Zeit.

Wim Pijbes und Thomas Rusche vor Rembrandts ,,Nachtwache''. Foto, Lars Beusker

Wim Pijbes und Thomas Rusche vor Rembrandts ,,Nachtwache”. Foto, Lars Beusker

WP: Zufall ist ein gutes Wort. Künstler sind die Leute, denen es zufällt. Sie haben einen Schlüssel zu all den Ingredienzen und sie haben ein besonders intensives Verständnis für die jeweilige Zeit. Dann bringen sie das alles zusammen und es kommt etwas heraus, das sie vielleicht selber noch gar nicht durch und durch verstehen. Aber später, vielleicht innerhalb einer Generation, wird jeder sagen: ,,Das ist es!” Es passiert in diesem Moment eine Wende in der Geschichte. Und dieses Bild oder dieses Stück Musik wird der Schlüssel, um eine Epoche zu ändern. Künstler sind empfindlich und empfänglich für seismografische Veränderungen.

TR: Erkennt man erst aus der Retrospektive welche Relevanz, welche mythische und mystische Erkenntnis der Künstler in dem Moment hatte?

WP: ,,Le sacre du printemps” von Strawinsky – das war so ein Skandal bei der ersten Aufführung: Erfolg durch Skandal gibt es auch in der Kunst. Und dann ist es einmsolcher Schock, ein kontroverse Erfahrung. Jeder ist dabei, alle Kritiker sind dabei, aber sie verstehen es in diesem noch nicht. Der Künstler ist schon einen Kilometer oder gar einen Planeten weiter. Aber nachher verstehen wir vielleicht was er gemeint hat oder was überhaupt passiert ist. Es kann allerdings auch direkt ,,on the spot” passieren. Durch das Fernsehen werden wir Zeugen von wichtigen Momenten. Wie die Rede von Martin Luther King 1963 in Washington – Das ist ein Meisterwerk! Und wir sind alle Zeugen von seiner besten Rede ever – ,,I have a Dream”… Das war ein augenblicklicher Höhepunkt. Jetzt können wir auch Augenzeuge sein von Meisterwerken die sich sofort über die Medien wie Fernsehen und Internet verbereiten. Botticelli, seine Gemälde entstanden im 15. Jahrhundert, das hat Zeit gebraucht um sich zu verbreiten, die Medien damals waren ganz anders als heute. Aber jetzt, Martin Luther King ist ein gutes Beispiel. Das war historischer Moment, schwarzes Amerika, Auftritt Washington – I have dream! Kurz gut charismatisch, das ist für mich auch ein Meistwerk. Ein Instant-Meisterwerk. Vielleicht kann so etwas auch mit der Kunst in unserer Zeit geschehen.

Das Rijksmuseum in Amsterdam gehört zu den schönsten und größten Kunstmuseen der Welt. Foto, Lars Beusker

Das Rijksmuseum in Amsterdam gehört zu den schönsten und größten Kunstmuseen der Welt. Foto, Lars Beusker

TR: Wir beide sind keine digital natives und müssen uns diese Welt erarbeiten, in der unsere Kinder groß werden. Ich versuche das zurzeit durch instagram und werde von einer Bilderflut überschüttet. Wir haben heute eine sehr schnelle Verbreitung von Bildern, die vielleicht in dem Moment Bedeutung haben, aber morgen irrelevant sein können.

WP: Aber es gibt immer wieder Meisterwerke und es gibt immer wieder ikonische Werke!

TR: Und was unterscheidet diese ikonischen Bilder, die sich durchsetzen?

WP: Es gibt sehr viele Bilder am Tag, die wir bei instagram oder Facebook, die wir einfach nur sehen, aber es gibt auch immer Bilder, die uns stark berühren und eine Betroffenheit auslösen. Diese Bilder haben heute eine andere Qualität, als früher. Heute sind wir globalisiert und sehr schnell. Wenn jetzt ein Bild zur Ikone wird, dann spricht es sogleich ein globales Publikum an. Ikonisch fand war Beyonce bei der Eröffnung des Superbowls. Der Moment erinnerte irgendwie an Martin Luther King. Sie sang: ,,Alright ladies let’s get in formation…” Da kamen zwei starke Energien, die in unserer Welt sehr wichtig sind: Frauen und Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe. Diese beiden Themen zusammen mit solch einer Powerfrau. Beyonce gibt unserer Zeit ein Gesicht. Sie zeigte es auf dem Podium das weltweit die beste und größte Tragweite hat: Die Eröffnung des Superbowls in Amerika. Eine Show wie ein direkter Schlag ins Gesicht, mit einer Botschaft und Emotionen. Das ist für mich ein ikonisches Bild und auch ein Meisterwerk. Genau wie es auch Botticelli gemacht hat, in Florenz der Welthauptstadt der Renaissance. Für mich sind Botticelli und Beyonce dasselbe. Ich meine natürlich nicht aus kunsthistorischer Sicht. Aber die beiden machten in der Geschichte einen ähnlichen Vorwärtsschritt.

TR: Du hast die zeitgenössische Kunst in den Tempel der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts geholt. Welche Erfahrungen hast Du mit diesen Dialogen des Alten und des Zeitgenössischen gemacht?

WP: Wir haben eine lange Tradition, weil das Museum ein altes Haus ist. Unsere Sammlung inspirierte schon früher all die Großen wie van Gogh, Picasso, Willem de Kooning und heute auch die Zeitgenossen wie Anselm Kiefer, Damien Hirst oder jetzt gerade Anish Kapoor, den wir zurzeit in einem Dialog mit Rembrandt ausstellen. Die größten Künstler unserer Zeit kommen gerne in das Rijksmuseum und das stimuliert ja auch.

TR: Du hattest als Gründungsdirektor zur Wiedereröffnung im 21. Jahrhundert die Umgestaltung des Museums begleitet und den Neuanfang und die Neupositionierung vorgenommen. Was waren die kardinalen Schrauben, an denen Du gedreht hast?

WP: ,,Offen” ist mein Thema. Als ich 2008 angefangen habe, war das Gebäude ,,zu”. Es war eine sehr schwierige Zeit mit der Renovierung und der Finanzierung. Es war davor schon fünf Jahre zu und ich brauchte noch mal ein paar Jahre, um es wieder zu eröffnen. Erstens Offen: Gebäude offen. Zweites Offen: Institution offen für die Welt und für Veränderungen. Dafür brauchte ich Leute mit einem open Mind, einem offenen Geist. Und drittes Offen: eine offene Sammlung. Wir sind das erste und auch das größte Museum der Welt, das im Internet die ganze Sammlung veröffentlicht hat und jede zur Verfügung stellt.Wenn jemand eine Krawatte mit dem Bild der „Nachtwache” machen möchte, sage ich: „prima, leg los“. Muss ich was bezahlen? Nein, es ist kostenlos! Alles ist frei. Offiziell gehört es der Stadt Amsterdam, aber es ist ein Welterbe, ein Weltkulturerbe. Also gehört es jedem Menschen auf der Welt. Es ist logisch, dass das Original hier im Museum ist und bleibt, aber das Bild vom Original teilt man mit der Welt. Und deswegen bin ich auch so offen und liberal mit Copyrightfragen, weil die Bilder frei sind, die Objekte selbst aber nicht, die gehören zum Museum und wenn man das Original sehen möchte, muss man ins Museum kommen und früher oder später möchte man das Original sehen.

Die ,,Nachtwache'' von Rembrandt, welches der Maler 1642 fertigstellte. Zu sehen im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

Die ,,Nachtwache” von Rembrandt, welches der Maler 1642 fertigstellte. Zu sehen im Rijksmuseum Amsterdam. Foto, Lars Beusker

TR: Die steigenden Besucherzahlen sprechen für sich. Im Rückblick auf Deine Zeit im Museum, worüber bist Du besonders glücklich, was ist Dir besonders gelungen?

WP: Vor einiger Zeit kam ich morgens mit der Straßenbahn ins Museum und passierte am Eingang einen 63 jährigen Wachmann, der seit 23 Jahren für das Museum arbeitet. Ich fragte ihn was ihm aufgefallen ist, was sich in den letzten Jahren im Vergleich zu seinen Anfängen verändert habe. Er sagte: ,,Kinder!” Heute kommen jedes Jahr 350.000 Kinder in das Museum. Und er sagte noch: ,,Da wo Kinder sind, da gibt es Leben!”  Und darauf bin ich heute besonders stolz! OK – Mission completed!

TR: Und ich darf Dir sagen: Wo auch immer ich Dich erlebt habe – wo auch immer Wim Pijbes ist, da ist auch Leben! Ich danke Dir von Herzen für dieses Gespräch!

Thomas Rusche und Wim Pijbes verbindet eine langjährige Freundschaft und das  Interesse an Meisterwerken. Foto, Lars Beusker

Thomas Rusche und Wim Pijbes verbindet eine langjährige Freundschaft und das Interesse an Meisterwerken. Foto, Lars Beusker

 

Sehen Sie hier das Video zum Interview auf dem SØR Youtube Kanal:

 

 

http://instagram.com/soer_rusche

http://soer.de

https://www.rijksmuseum.nl